Lehrer der Medizin an der Aniverſität und Dekan der Mediziniſchen Fakultät war Joſeph Lautenbach aus Hünerweiler im Elſaß. Die Fakultät beſtand im 17. Jahrhundert aus nur wenigen Mitgliedern, die, wenn ſie nicht Landeskinder waren, meiſt aus Württemberg und Sachſen ſtammten, aber Studenten aus allen Deilen Deutſchlands anzogen. Die weitere Entwicklung der Fakultät ergibt ſich aus einem Beitrag von J. Geppert zur Feſtſchrift„Die Aniverſität Gießen von 1607 bis 1907“ Bd. 2, S. 357 und aus zwei Beiträgen zu medi⸗ ziniſchen Wochenſchriften, die im Jahr 1907 aus Anlaß der 300⸗Jahr⸗ feier der Aniverſität erſchienen und von den weiteren Fakultätsmit⸗ gliedern R. Sommer, A. H. Dannemann) und A. Jeſionek ver⸗ faßt ſinds).
In dem Jahrhundert der Gründung der Aniverſität und ihrer Facultas medica gab es eine Phyſiologie als ſelbſtändiges Lehrfach noch nicht, die Lehrer der mediziniſchen Fächer ſtützten ſich in ihren praelectionibus hibernis et destivis bei phyſiologiſchen Erörterungen auf Hippokrates und Galen. Aber gerade in dieſem 17. Jahrhundert ſetzt ſich eine Reformation der Phyſiologie mit der Entdeckung des Blutkreislaufs durch Harvey und der Einführung des Mikroſkops durch, es iſt die Zeit der Jatrophyſiker und Jatrochemiker, in der man ſich auf die phyſikaliſchen und chemiſchen Grundlagen der Medizin beſinnt. In Gießen wie auch auf anderen Aniverſitäten wird zu dieſer Zeit Phyſik, Chemie, Botanik und auch Zoologie und Mineralogie von Mitgliedern der Mediziniſchen Fakultät gelehrt, aber mehr in ſcholaſtiſcher Weiſe, weniger durch das Experiment.
In den Vorleſungsverzeichniſſen der Aniverſität, ſoweit ſie vorhanden ſind, fand ich das Wort„Phyſiologie“ zuerſt in einer Ankündigung des Profeſſor Hieronimus Rötel aus dem Winterſemeſter 1664/65: D. Deo Opt. Max. fav. absolutis, quae in Physiologia tractanda restant, Pathologiae operam dabit publice, privatim fructuoso Philiatrorum placito. Im W. S. 1701/02 kündigt J. F. Dillenius an:... ocu- lorum illorum Naturae miraculorum, Physiologiam publicis prae- lectionibus absolwerit, im Sommerſemeſter 1727 L. H. L. Hilchen: „Publice physiologiam docebit“, der ſpäter 1737 auch Geſchichte der Phyſiologie lieſt. Auch wird Phyſiologie 1744 von Henſing„ad ductum Boerhavii“« und 1753/54 von Müller„institutiones doc- tissimi Ludvig seculus“ vorgetragen.
Die Wiederaufnahme der Experimentalphyſiologie zu dieſer Zeit durch Albrecht Haller wirkte ſich in Gießen nicht ſonderlich aus,
3


