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Über den Werdegang der Physiologie und das neue Physiologische Institut an der Landesuniversität Gießen / von Karl Bürker, Gießen
Entstehung
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haus in Gießen zu. Die Marburger Profeſſoren, die ſich der refor⸗ mierten Lehre nicht fügten, wurden von Moritz entlaſſen. Dieſen Am⸗ ſtand nutzte Ludwig und gründete im Jahr 1605 in Gießen als Vör⸗ läufer für eine lutheriſche Aniverſität ein Gymnasium illustre, dem ein Paedagogium trilingue angegliedert war. Im Jahr 1607 gelang es

dem Landgrafen, von Kaiſer Rudolf II. die Gründungsurkunde für,

eine Aniverſität, die Academia Gissena, zu erhalten, die ſich ruhmvoll entwickelte, trotzdem die Stadt zugleich Feſtung war.

Aber der Dreißigjährige Krieg war der weiteren Entwicklung nicht günſtig. Im Jahr 1621 zog die Studentenſchaft ins Feld mit dem trefflichen WahlſpruchLiteris et armis ad utrumque paratiu auf einer Fahne; das iſt auch heute noch der Wahlſpruch der Aniverſität. Das Wappen der Aniverſität, das hellblaue Antoniterkreuz im ſilber⸗ nen Feld, geht auf Beziehungen zum Antoniterkloſter in dem benach⸗ barten Grünberg zurück.

Als im weiteren Verlauf des Erbfolgeſtreits durch das Endurteil Kaiſer Ferdinands die Marburger Aniverſität wieder an Darmſtadt fiel, wurde die Gießener Aniverſität im Jahr 1625 nach Marburg verlegt, aber auch der Geiſt der Gießener dorthin mitgenommen, ſpricht doch ein Zeitgenoſſe von einerSeelenwanderung aus der Gießener in die Marburger Hochſchule. Landgraf Moritz zog daraufhin ſeine Aniverſität nach Kaſſel zurück. Bis 1648 blieb die Gießener Aniverſität in Marburg. Im Friedensſchluß war Marburg wieder der Kaſſeler Linie zugefallen und ſollte heſſiſche Geſamtuniverſität bleiben. Schließ⸗ lich kam es aber doch wieder zur Trennung und die Aniverſität Gießen kehrte im Jahr 1650 in ihr altes Heim zurück.

Bis zum Jahr 1866 beſtanden ſo zwei heſſiſche Aniverſitäten neben⸗ einander. Als im Jahr 1866 Marburg an Preußen fiel, wurde Gießen zur einzigen heſſiſchen Landesuniverſität. Was dieſe vor anderen Ani⸗ verſitäten noch auszeichnet, iſt der Amſtand, daß ſie außer den üblichen Fakultäten auch noch eine veterinärmediziniſche und von Diſziplinen Land⸗ und Forſtwirtſchaft ſchon lange aufweiſt; früher wurden auch noch Architektur und Ingenieurwiſſenſchaften gelehrt.

2. Die Phyſiologie in der Zeit der Scholaſtik.

Anter den erſten Lehrern des Gymnaſiums befand ſich noch kein Mediziner. Im Jahr 1606 gelang es aber durch Vermittlung der Uni⸗ verſität Tübingen, den Wimpfener Arzt Johannes Münſter zu gewinnen, der jedoch bald von der Peſt dahingerafft wurde. Der erſte

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