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und seiner Wissenschaft. Daß dieses Zeichen hier in Gießen sichtbar wird, dafür danke ich als Gießener allen Teilnehmern aus dem Auslande ganz besonders.
Weiter fällt mir überlieferungsgemäß die Aufgabe zu, die Entwick- lung der pathologischen Anatomie an meinem Standorte auf- zuzeigen. Beim Blättern in den Annalen unserer 328 jährigen Alma mater Ludoviciana kann man, wie wohl an allen Universitäten, die auf eine längere Geschichte zurückblicken können, drei Perioden des pathologisch- anatomischen Unterrichtes unterscheiden.
Die erste Periode mehr gelegentlicher Unterrichtung geht aus Vorlesungsankündigungen hervor, wie sie etwa Valentini im Jahre 1699 erlassen hat:„Pathologiam verasque morborum causas e sectionibus cadaverum hominum ad imitationem Barthelini“. Valentini rühmt auch in seinen Pandectae medicolegales(1720) unter anderem das Amphitheatrum sectionibus anatomicis destinatum, wodurch Gießen anderen Universitäten voraus sei. Die erste Sektion einer menschlichen Leiche machte in Gießen 1615 Gregor Horst, im Jahre 1617 ließz er eine zweite folgen. Horst's Sohn Johann Daniel Horst und weitere Nachfolger in der anatomischen. Professur, Michael Heiland, A. J. Bötticher, Gg. Th. Bardhold u. a., setzten die Sektionen fort. Besonders werden aus dem Jahre 1709 noch die Sektionen eines Militärarztes Antonii erwähnt, der in Frankreich, Holland und England studiert hatte. Die Sektionen fanden damals öffentlich gegen Lösung von Eintrittskarten statt. Auf weitläufig lateinisch abgefaßten Anschlägen wurde dazu eingeladen. Solche Einladungen weisen vor allem auf den Nutzen hin, den der Arzt, aber auch sonst jedermann aus einer Sektion ziehen könne, und lassen die Absicht, damit eine naturwissenschaft- liche Unterrichtung ins Volk zu tragen. einwandfrei erkennen, was angesichts unserer heutigen gleichartigen Bestrebungen besonders interessant ist. Um den Nutzen der Sektion möglichst eindringlich darzustellen, wurden klassische Zitate und namentlich Überlieferungen aus dem Leben von Hippokrates verwendet. Von derartigen Aufforderungen zum Besuch von Sektionen bewahrt die Gießener Universitätsbibliothek noch 8 Stück auf, je l aus den Jahren 1663. 1669, 1677, 1698, 1703, 1704, 1706 und 1709.
Ich erlaube mir, die Sektionsaufforderung aus dem Jahre 1663, auf 1⁄10 verkleinert, in facsimile wiederzugeben. Herr Professor Dr. Rudolf Herzog, Direktor des altphilologischen Seminars an der Universität Gießen, hat dankenswerterweise auf meine Bitte hin die Übersetzung vorgenommen. und mit Quellenangaben, Erklärungen und interessanten Hinweisen aus dem damaligen lateinisch geschriebenen Fakultätsbuch versehen; diese Arbeit Rudolf Herzogs wird am Schluß unseres Verhandlungsberichtes zu lesen sein(s. S. 333 ff. dieses Buches!).
Die Auslassungen auf derartigen Anschlägen, die für unser heutiges Empfinden schwulstig und gewunden klingen, sind für die damalige Zeit sehr charakteristisch; dadurch daß sie sich auf Altes und Altestes stützen, um das gegenwärtige Tun zu loben; dadurch, daß sie die eingehenden Kenntnisse beweisen, die auch der damalige Arzt und Naturforscher vom Altertum, seinen Schriften und seinem Leben hatte; und auch dadurch, daß aus ihnen der Aufbruch zu einer neuen Zeit naturwissenschaftlicher Betrachtung hervorgeht, der über die Uberlieferung hinweg an die Dinge
1) Wie ich nachträglich erfahre, hat auf diese Aufforderungen bereits Professor
Sobert Fritzsche, früher Gießen, jetzt Bad Nauheim hingewiesen; Professor Rudolf Herzog wird darauf zurückkommen.


