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Kommers-Lieder des Giessener Wingolf / [vom Gießener Winfolf]
Entstehung
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5. Allein das rechte Burſchenherz kann nimmermehr er⸗ kalten; im Ernſte wird, wie hier im Scherz, der rechte Sinn ſtets walten; die alte Schale iſt nur fern, geblieben iſt uns doch der Kern, und den laßt feſt uns halten.

6. Drum, Freunde, reichet euch die Hand, damit es ſich erneue, der alten Freundſchaft heil'ges Band, das alte Band der Treue. Klingt an und hebt die Gläſer hoch, die alten Burſchen leben noch, noch lebt die alte Treue!

I

4.

1. Das war der Graf von Rüdesheim, mit Gütern reich beglückt, der hat des Winzers holder Maid zu tief ins Aug' ge⸗ blickt. Doch als er ihr die Lieb geſtand, lacht ſie ihm ins Geſicht. Der Graf ritt tief gekränkt nach Haus und mied des Tages Licht. Und er ſaß und vergaß in ſeiner Burg am Rhein ſeinen Schmerz, denn das Herz tröſtet Rüdesheimer Wein.

2. Wohl ſieben Jahre ſaß er ſo geſchieden von der Welt und gab für Rüdesheimer Wein hin all ſein Gut und Geld. Wohl vierzig Güter gab er hin für edles Rebenblut, und als das letzte Jahr verging, ging auch das letzte Gut. Und er ſaß und vergaß in ſeiner Burg am Rhein ſeinen Schmerz, denn das Herz tröſtet Rüdesheimer Wein.

3. Doch als das letzte Gut vertan, ging es dem Grafen ſchlecht; ein andrer Herr bezog das Schloß, da ward der Graf ein Rnecht. Die ganze Woche plagt er ſich im Wirtshaus vor der Burg; was in der Woche er verdient, bracht er am Sonn⸗ tag durch. Und dann ſaß und vergaß er im Kellerloch am Rhein ſeinen Schmerz, denn das herz tröſtet Rüdesheimer Wein.