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Das "Studentenwerk Gießen e.V." : (vormals Gießener Studentenhilfe) : ein Beitrag zu seiner Geschichte / von Emil Kraus
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DasStudentenwerk A. (Vormals Gießener Studentenhilfe) Ein Beitrag zu ſeiner Geſchichte von Emil Kraus.

Der Krieg war zu Ende. Im Lande war Revolution. Unſer großes Heer war zurückgeſtrömt in die alte Heimat. Der Arbeiter kehrte zurück in ſeine Werkſtatt, der Bauer hinter ſeinen Pflug, der Beamte in ſein Büro. Nur jene Freiwilligengeneration von 1914, die begeiſtert Schulen und Univerſitäten verlaſſen hatte, um das Leben einzuſetzen für das Vaterland, ſtand jetzt, heimgekehrt, vor dem Nichts. Sie mußte erſt wieder den Anſchluß finden an das bürgerliche Leben. Das mag manchem hart geworden ſein: die Bücher waren verſtaubt, man war der Schulbank entwachſen innerlich und äußerlich, man hatte das rauhe Handwerk des Soldaten erlernt und wollte für anderes nicht mehr recht taugen. Um ſo erfreulicher war es damals, zu erleben, daß dennoch die Univerſitäten und Hochſchulen ſich mit neuem ſtarkem Leben füll⸗ ten; die große Mehrheit der jungen Generation war ungebrochen aus dem Kriege heimgekehrt, ſie wollte der Schwierigkeiten Herr werden, die ſich ihr entgegenſtellten, wollte feſten Boden unter die Füße bekommen, wollte Poſitives leiſten. Vielfach mußte erſt die wirtſchaftliche Grundlage für ein Studium geſchaffen werden. Raſch entſchloſſen zogen die Soldaten von geſtern immer noch den Torniſter auf dem Kücken in die großen Arbeitsgebiete der deutſchen Wirtſchaft, um ſich erſt die nötigſten Mittel für das Studium zu erarbeiten. In Bergwerken, auf den großen Bau⸗ ſtellen, auf Gütern tauchen ſie auf, ſelten nur in Büros; durch nichts unterſchieden von ihren Arbeitskameraden, mit denen ſie vor⸗ her zuſammen in Reih und Glied marſchiert waren.

Eine große Bewegung war ſo entſtanden, gleichzeitig und un⸗ abhängig voneinander an allen Univerſitäten und Hochſchulen. Ein neuer Menſchentyp hatte ſich an den Hochſchulen entwickelt: der Werkſtudent. Der Werkſtudent war eine der erfreulichſten Er⸗ ſcheinungen der Nachkriegszeit. Nicht zuletzt durch ihn hatte die Wiſſenſchaft wieder engere Tuchfühlung mit dem Leben erhalten. Er war das Gegenbild des politiſchen Abenteurers, der, verwirrt durch die Ereigniſſe des Tages, durch Revolutionsreden und Partei⸗ programme, vergeſſen hatte, daß nüchterne Arbeit zunächſt das Nötigſte ſei.