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Die Gießener Universitäts-Frauenklinik einst und jetzt / von Erich Opitz
Entstehung
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60 Erich Opitz.

Operationen ausgeführt und in weiteren 9 Fällen nicht ganz so radikale abdominale Totalexstirpationen wegen Corpus- und in einem Falle wegen Cervixkarzinom. 3mal haben wir wegen sehr wenig umfänglicher Karzinome der Portio die vaginale Totalexstirpation ausgeführt. Die Sterblichkeit bei unseren Radikaloperationen wegen Collumkarzinom ist ganz ungewöhnlich hoch. Wir haben 9 Todes- fälle auf 16 wirklich radikal durchgeführte Operationen. Das ist geradezu erschreckend und wenn auch sicher bis zu einem gewissen Grade die Kleinheit der Zahlen eine Rolle dabei spielt, so glaube ich doch, daß sie nicht als rein zufällig anzusehen ist. Es liegt vielmehr an dem wirklich radikalen Vorgehen, das einen ganz ungeheuerlichen Eingriff bedeutet, mit naturgemäß schlechten Er- folgen.

Wir bemühen uns nämlich, in unserem Sinne wirklich radikal zu operieren, d. h. es wird nicht einfach der Ureter freigelegt und dann eine Totalexstirpation mit mehr oder weniger ausgiebigem Ausräumen des parametranen Gewebes ausgeführt, sondern wir haben uns in jedem einzelnen Falle bemüht, das ganze Becken- bindegewebe mit heraus zu präparieren. Unsere Operation fängt, wie das Franz einmal ausgedrückt hat, erst an, wo die anderen aufhören, d. h. wir holen das Parametrium und das Parakolpium des obersten Scheidendrittels wirklich vollständig heraus, so daß am Schluß der Operation ein anatomisches Präparat übrigbleibt, das außer Nerven, Ureter und Darm nichts mehr vom Beckeninhalt aufweist. Es entsteht dadurch eine besonders nach hinten ungeheuer große Höhle, die vollständig zu decken nicht möglich ist. Immer bleiben Buchten übrig, in denen sich Wundsekret ansammeln kann, das natürlich bei der Beschaffenheit der Karzinome für Infektionen außerordentlich günstige Verhältnisse schafft. Ich habe einer ganzen Reihe von bekannten Operateuren zugesehen bei den entsprechenden Operationen und muß sagen, daß wir weitaus gründlicher vor- gegangen sind. Das mag vielleicht zu weit gegangen sein. Jeden- falls haben wir angesichts der Häufigkeit der Rezidive im Binde- gewebe bei unseren Frauen nach Möglichkeit alles Entfernbare entfernt, um sie so vor Rezidiven zu schützen. Dafür haben wir leider die sehr große Sterblichkeit in Kauf nehmen müssen. Ich hatte deshalb auch, bevor ich in den Besitz von Radium kam, bereits vor, überhaupt derartige Operationen nicht mehr vorzu-

nehmen, sondern mich bei einigermaßen fortgeschrittenem Karzinom