Die Gießener Universitäts Frauenklinik einst und jetzt. 12
wesentlichen übernahm und auch die Verwaltungsgeschäfte erledigte, ist das bei der Fülle der Aufgaben des heutigen Tages auch nicht mehr im entferntesten möglich. Selbst in einem so gut abgegrenzten Sonderfach, wie es das der Geburtshilfe und Frauenheilkunde ist, ist, abgesehen von der großen Zahl der zu behandelnden Kranken und der Geburtsfälle, die ein Vielfaches der früheren beträgt, die Fülle des zu bewältigenden Stoffes zu groß geworden, als daß der einzelne alles selbst erledigen könnte. Ganz abgesehen von einer großen Zahl von Hilfswissenschaften wie Bakteriologie, Serologie, Histologie, Strahlentechnik sind Ausflüge und Anlehnung an die Nachbargebiete, besonders mancher Teile der inneren Medizin und der Chirurgie mit ihren verschiedenen therapeutischen Maßnahmen wie Hydrotherapie, Diätetik unbedingt erforderlich. Auch muß der Gynäkologe in manchen Zweigen der Darmerkrankungen und ganz besonders auf dem Gebiete der Urologie gut bewandert sein. Selbst anscheinend so fernliegende Gebiete wie physikalische und physio- logische Chemie müssen zur Hilfe herangezogen werden, soll nicht die wissenschaftliche Leistung einer Klinik ins Hintertreffen geraten. Es ist nicht mehr möglich, sich in alter Weise auf die Geburts- hilfe, auf konservative und operative Behandlung zu beschränken. Nimmt man noch hinzu, daß eine Beteiligung an den Aufgaben der Universität und der Fakultät, eine ausgedehnte Gutachtertätigkeit und eine mehr oder weniger ausgedehnte Privatpraxis neben den laufenden Verwaltungsgeschäften viel Zeit in Anspruch nehmen, so läßt sich leicht ersehen, daß von einem wissenschaftlichen Arbeiten keine Rede sein könnte, wenn nicht zahlreichere Hilfskräfte als früher zur Verfügung ständen.
Es ist leicht ersichtlich, daß die Erfüllung so zahlreicher Auf- gaben hohe geldliche Aufwendungen für einmalige Anschaffungen und laufende Kosten erfordert. In einem verhältnismäßig kleinen Staate wie Hessen ist es nicht immer leicht, diese Anforderungen in Einklang mit den vorhandenen Mitteln zu bringen. Ich habe mich bemüht, durch Vermehrung der Einnahmen und Sparsamkeit die Finanzen des Staates zu entlasten. Trotzdem ist nicht zu verkennen, daß eine ständige Belastung der Finanzen auch bei Deckung durch Einnahmen ihre großen Bedenken hat.
Wenn es trotzdem gelungen ist, alle gerechten Anforderungen, die an eine Stätte der Wissenschaft, der Lehre und der Heilkunst gestellt werden können, zu erfüllen, so ist das dem verständnis-


