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Die Gießener Universitäts-Frauenklinik einst und jetzt / von Erich Opitz
Entstehung
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Erich Opitz.

Selten wohl hat ein Institut eine so langwierige Baugeschichte, reich an Beschwerlichkeiten, hinter sich. Denn die ersten Bemühungen zur Errichtung einer Entbindungsanstalt gehen bis in das Jahr 1772 zurück, in welchem der Extraordinarius E. W. Nebel ¹) beim Mini- sterium die Errichtung einer Hebammenlebranstalt beantragte und sich gleichzeitig erbot, diese Wissenschaft,welche er ehemals in Straßburg cultivieret, zu dozieren ²). Die darüber befragte Fakultät stand dem Vorschlag Nebels an sich sympathisch gegenüber, weniger einer Uebernahme des dafür vorgesehenen Lehrauftrages durch seine Person, wie aus dem Fakultätsbericht vom August des- selben Jahres hervorgeht. Im September(30. September 1772) wurden auch die Studenten im Sinne des Vorschlages des Prof. Nebel beim Rektor vorstellig.

Indessen standen der tatsächlichen Errichtung eines Accoucheur- hauses große Schwierigkeiten, hauptsächlich materieller Art, im Wege, ferner Kompetenastreitigkeiten in der Frage der Erhaltung des ge- planten Institutes, endlich gewisse konkurrierende Bestrebungen zur Reorganisation des Hebammenwesens in Darmstadt, wo bereits eine kleine, zur Ausbildung von Hebammen bestimmte Entbindungsanstalt unter Dr. v. Siebold errichtet war, die aus der Staatskasse er- halten werden mußte. So kam der Gedanke an die Gießener Heb- ammenlehranstalt im Streit der Meinungen nicht vorwärts und schlief schließlich ganz ein wenigstens wissen wir nichts Sicheres über den weiteren Gang von Verhandlungen in dieser Frage. Dieselbe kam erst wieder in Fluß, als am 15. Juli 1790 der Landgraf Lud- wig X. bei seinem Regierungsantritt 10 000 fl. unmittelbar zu dem Zwecke der Errichtung einesLandeshebammeninstitutes in Gießen stiftete. Von der Fakultät wurde ein Entwurf abverlangt, und bereits im April 1791 erfahren wir, daß wegen der Erwerbung eines besonderen Hauses für das neue Institut verhandelt wird.

Trotzdem vergingen noch 20 Jahre, ehe der Bau vollendet ward. Bezüglich des Unterrichtes in dieser Zeit erfahren wir, daß im Jahre 1799 der Physikus Schwabe Hebammenunterricht erteilt und 1805 der Privatdozent Dr. Fr. Th. Schulz zum außerordentlichen Professor für Geburtshilfe ernannt wird, sowie eine Antrittsvorlesung

¹) Cf. Aufzeichnungen desselben in Ploch, Hessische Chronik 1913, Heft 3; ferner Fakultätsakten 1772.

²) E. W. Nebel war ein Schüler von Fried und las in Gießen außer Chirurgie auch theoretische Geburtshilfe.