—2—
Mit diesen allgemeinen Andeutungen über Paschs wissen- schaftliche Leistungen muß ich mich begnügen. Dagegen möchte ich nicht unterlassen, über Pasch als Lehrer etwas zu sagen. Seinen großen Anforderungen in Bezug auf die Darstellung suchte er selbstverständlich auch in seinen Vorlesungen zu genügen. Diese waren infolgedessen inhaltlich und in der Form musterhaft, klar und wohldurchdacht. Darin stimmen alle überein, die ihn gehört haben. Sie erklären jedoch zu- gleich, daß Pasch an seine Zuhörer sehr große Ansprüche stellte. Seine Vorlesungen boten daher zwar den Fortgeschritte- nen ungemein viel Anregung und Förderung, dagegen konnten ihm nur wenige Anfänger wirklich folgen.
In den letzten Jahren, ja Jahrzehnten, wird wohl jeder Gießener Pasch von Ansehen gekannt haben, auch wenn er den Namen nicht wußte. Der alte Herr, einst ein rüstiger Fußgänger und eifriges Mitglied des Rennklubs, war oft zu sehen, wie er langsam und vorsichtig die Straßen entlang ging, eine Erscheinung, die niemandem entgehen konnte. Aber nur sehr wenige Bewohner Gießens ahnten, daß der Name dieses anspruchlosen Mannes bei den Mathematikern der ganzen Welt wohl bekannt und hoch geachtet war.
Wer mit ihm zusammentraf, der mußte unbedingt den Eindruck gewinnen, daß er einer Persönlichkeit gegenüber- stand, die jedermann mit ungeheucheltem Wohlwollen ent- gegentrat. Ich erinnere mich noch selbst dieses Eindrucks, als ich ihm zum ersten Male begegnete, 1896 in Frankfurt, auf einer der wenigen Naturforscherversammlungen, die er be- sucht hat. Dieses Wohlwollen war nicht etwa bloß äußere Form, es kam ihm von Herzen. Ganz in der Stille gab er gern und hat manche Not lindern helfen. Jede Aufdringlichkeit, jedes sich geltend machen, war ihm fremd. Die Bescheidenheit, mit der er jedermann gegenüber auftrat, war keineswegs an- genommen, sondern durchaus echt. Obwohl er niemandem seine Ansicht aufdrängte, merkte man doch im Umgange mit ihm sofort, daß er eine in sich fest gegründete Persönlichkeit war, seines Wertes bewußt, ein Mann, der seinem Ziele mit un- beirrbarer Folgerichtigkeit nachging, ohne sich durch die Mode oder durch Rücksichten auf die Meinung anderer beirren zu lassen. Seine Urteile über andere Mathematiker waren immer maßvoll, maßvoll war auch seine Polemik gegen solche, die


