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Moritz Pasch : Zwei Gedenkreden, gehalten am 24. Jan. 1931 / von Friedrich Engel und Max Dehn
Entstehung
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war ihm nicht mehr zu erleben vergönnt. Er hätte das am letzten 29. November feiern können.

Pasch gehört nicht zu den Mathematikern, die in jungen Jahren die Welt durch neue und überraschende Entdeckungen in Erstaunen setzen. Er war 39 Jahre alt, als er 1882 das Werk veröffentlichte, das ihn in der ganzen mathematischen Welt bekannt gemacht hat und das vor allem ihm in der Geschichte der mathematischen Wissenschaft ein dauerndes Andenken sichert. Es sind das seineVorlesungen über neuere Gecmetrie. Aber auch dieses Werk wurde zunächst nur von wenigen Fachgenossen beachtet, und es dauerte Jahre, bis die Erkenntnis durchdrang, daß hier zum ersten Male eine syste- matische Untersuchung der Grundlagen und der Axiome der Geometrie durchgeführt war. Das Werk wurde der Vorläufer einer überaus großen Anzahl von Untersuchungen ähnlicher Art von andrer Seite und hat den Anstoß zu der neuerem Grundlagenforschung und Axiomatik gegeben, die in den letzten Jahrzehnten mit großem, fast muß man sagen, mit zu großem Lifer betrieben worden ist. Pasch aber betrachtete seine Be- handlung der Geometrie nur als einen ersten Vorstoß in dieser Richtung. Er bearbeitete selbst die Grundlagen der Analysis in ähnlicher Weise, ja er bemühte sich, die allerersten Anfänge des mathematischen Denkens überhaupt aufzuhellen und die Denkvorgänge, die dabei zur Anwendung kommen, in ihre kleinsten Bestandteile zu zerlegen, um alle Quellen etwaiger Irrtümer aufzudecken und verstopfen zu können. Der Beiname einesVaters der Axiomatik, den man ihm im Scherze ge- geben hat, wird ihm wohl auf die Dauer verbleiben. Ganz besonderes Gewicht legte er auf die Darstellung, die, wie er mit Recht meinte, bei den meisten Mathematikern sehr zu wünschen übrig läßst. Es wäre ein unschätzbarer Gewinn, wenn sein Beispiel in dieser Beziehung rechten Einflußs gewänne und Nachahmung fände. Er selbst war sich aber wohl bewußst, daß die ungemein strengen Anforderungen, die er stellte, kaum vollständig zu erfüllen waren, und daß das Ziel, das er sich steckte, für den einzelnen gar nicht erreichbar war, daß man vielmehr nur hoffen konnte, durch die immer erneute Arbeit kommender Mathematikergeschlechter diesem Ziele näher und näher zu kommen, ohne jemals wirklich am Ziele zu sein.