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Die Großherzogl. Hessische Ludwigs-Universität zu Gießen. 563
alsbald das Luthertum in seinem Erblande ab und führte die reformierte Lehre ein. Da- rüber kam es zu Protesten und Erbstreitigkeiten, und als in Marburg 1605 heftige Reli- gionsstreitigkeiten und im Anschluß hieran öffentliche Tumulte ausbrachen, infolge deren theologische Professoren und Geistliche entlassen und durch andere ersetzt wurden, bot Ludwig der Getreue den Vertriebenen in Gießen eine Unterkunft und stellte ihnen eine neue akademische Wirksamkeit in Aussicht. Mit finanzieller Unterstützung von Ständen und Stadt wurde 1605 in Gießen ein akademisches Gymnasium mit einer Frequenz von ungefähr 300 Studenten eröffnet. Im Jahre 1607 traf das kaiserliche Privileg von Ru- dolf II. ein, und nunmehr wurde im selben Jahre unter Anwesenheit des Stifters die Universität feierlich eingeweiht. Gießen wird also in wenigen Jahren sein 300 jähriges Uni- versitätsjubiläum festlich begehen dürfen. In der ersten Periode 1607— 1624 dürfte die Frequenz der zweiten hessischen Universität zwischen 200 und 500 Studenten betragen haben. Bei Ausbruch des 30 jährigen Krieges sollen es zwischen 500 und 600 Studenten gewesen sein. Sind diese Zahlen richtig, so war damals Gießen größer als die meisten anderen deutschen Universitäten und wurde nur von Leipzig und Jena an Studentenzahl übertroffen. Es erklärt sich das aus der Tatsache, daß damals Gießen eine der Haupt- pflegestätten des reinen Luthertums war, wodurch auch die weitere Tatsache ihre Er- klärung findet, daß neun Zehntel der Studenten keine hessischen Landeskinder waren und zum Teil weither, aus den Ostseeländern, Dänemark usw. kamen. Von der Nachbarschaft lieferten am meisten Scholaren Westfalen und Schwaben. Auch Braunschweig war stark vertreten. Freilich hat schon damals die Frequenz fortwährend geschwankt und sie wurde namentlich durch Pestepidemien, die in Gießen fast jedes Jahr auftraten, stark beein- trächtigt.
Im Jahre 1625 kam Marburg wieder an die Darmstädter Linie und infolgedessen wurde die Universität Gießen nach Marburg zurückverlegt, und erst nachdem Marburg 1648 wieder an Hessen-Cassel gefallen, wurde Gießen 1650 als darmstädtische und luthe- rische Landesuniversität wiedereröffnet.
In der Folge behielt die Universität ihre Hauptbedeutung in der theologischen Fakultät. Über ihre Frequenz wie überhaupt über die Einzelheiten ihrer Entwicklung sind wir nur dürftig unterrichtet; denn
eine zuverlässige und umfassende Geschichte der Universität gibt es
noch nicht. Jedenfalls hat die Universität Gießsen im 18. Jahrhundert, namentlich neben Halle und Göttingen, keine führende Rolle gespielt und hat auch in dem größsten Teil des 19. Jahrhunderts vorwiegend den Charakter einer kleineren Landesuniversität, freilich mit nicht un- erheblichen Schwankungen in der Anziehungskraft der einzelnen Fakul- täten, gehabt.
An organisatorischen Veränderungen sind folgende zu erwähnen: Der 1777 nach Gießen berufene Kameralist Johann August Schlett- wein(1731— 1802), der bedeutendste deutsche Physiokrat, setzte es durch, daß in Gießen eine besondere„Okonomische Fakultät“, die naturwissenschaftliche und technologische Fächer neben der Kameral- und Finanzwissenschaft umfaßste und von 1777— 1785 bestand, ge- gründet wurde. Diese Fakultät ist die erste ihrer Art gewesen und war eine Vorläuferin der späteren staatswirtschaftlichen Sonderfakul- täten. Die Kleinheit des hessischen Landes brachte es von selbst
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