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Zur Frage der Leibesübungen / von Prof. Dr. Huntemüller in Giessen
Entstehung
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die für die Schwächlichen und Kranken in iedem einzelnen Falle geeigneten Körperübungen auswählen können.

Die körperliche Erziehung muss aber im künftigen Schulplan- einen weit grösseren Rahmen umfassen als bisher. Der Morgen sei der Betätigung mit den Wissenschaften gewidmet, der Nach- mittag soll für die Körperkultur freibleiben. Ich möchte hierher auch das Zeichnen, Singen und bei den Mädohen den Handarbeits- und in den höheren Klassen den Haushaltungsunterricht rechnen, an dessen Stelle bei, den Knaben der Handfertigkeits- und Gartenbau- unterricht zu treten hätte.

So werden wir uns einen körperlich und geistig tüchtigen Nach- wuchs erziehen, dem dann, mag er nun Handarbeiter, Kaufmann oder Akademiker. Hausvater oder Hausfrau werden, die Beschäf- tigung mit den Leibesübungen zur zweiten Natur geworden ist, so dass es keines äusseren Zwangsmittels bedarf, um ihn zu sport- licher Betätigung anzuspornen.

Bis wir aber so weit sind, werden noch Jahre vergehen. Die nächstliegende Aufgabe, insbesondere der Universitäten. ist daher, geeignete Lehrkräfte und Schulärzte heranzubilden. Für sie muss die theoretische und praktische Beschäftigung mit der Köfrperkultur obligatorisch und zu einem Prüfungsfach gemacht werden.

Ferner ist durch wissenschaftliche Untersuchungen der Einfluss der Körperübungen auf Leib und Seele zu erforschen und in mess- baren Werten auszudrücken.

Institut für Körperkultur.

Ein Institut für Körperkultur, das sich diesen Aufgaben widmet und im nächsten Sommersemester seine Lehr- und Forschungstätig- keit aufnehmen wird, ist in Giessen im Entstehen begriffen.

In diesem Institut soll jeder Studierende, der sich sportlich betätigen will, auf seine körperliche Beschaffenheit untersucht und uber seine körperliche Ausbildung belehrt werden. Ueber jeden wird nach Vorgang der amerikanischen Universitäten ein Protokoll geführt, das Vorgeschichte. Untersuchungs- und Messungsbefund ent- hält. Durch regelmässige, in jedem Semester stattfindende Nach- untersuchungen und Messungen kann dann der Einfluss der Be- tätigung mit den Leibesübungen feftgestellt werden. Die Aufzeich- nungen werden den Studierenden beim Verlassen der Universität ausgehändigt und können im Philisterium weitergeführt werden.

Ausbildung von Pädagogen und Schulärzten.

Zu diesen Untersuchungen und Messungen werden die angehen- den Pädagogen und Schulärzte wie zu praktischen Uebungen unter Leitung von Dozenten herangezogen und lernen hier das für ihren späteren Beruf nötige Protokollieren, Untersuchen, Messen und Be- gutachten des vorgefundenen Befundes; denn in gleicher Weise soll später für jedes Kind vom Eintritt in die Schule an eine Liste geführt werden. Nebenbei soll ihnen die Möglichkeit gegeben wer- den zur Beteiligung an der Erforschung des Turn-. Spiel- und Sport- wesens und seiner Zusammenhänge mit dem gesamten Kulturleben, ferner zur Beschäftigung mit Problemen aus der Physiologie, Ortho- pädie, inneren Medizin und Hygiene. Nach 6semestrigem Studium ist die Promotion zum Doktor der Gymnastik in Aussicht genommen. Jedenfalls würde diese gemeinsame Beschäftigung der angehenden Pädagogen und Schulärzte männlichen und weiblichen Geschlechts