— 8—
minder grosse Zahl- von Semestern verloren haben und daher alle ihnen zu Gebote stehende Zeit auf das Studium verwenden, um möglichst bald mit dem Schlussexamen fertig zu werden. Anderer- seits ist bei ihnen nach dem 4 jährigen Feldzug, wo sie sich wohl körperlich, aber wenig geistig betätigen konnten. das Bedürfnis nach regelmässigen Leibesübungen geringer. Auch die mangelhafte Er- nährung mag das ihre hierzu beitragen. 1
Jedenfalls wäre auch unter normalen Verhältnissen mit einer allgemeinen Beteiligung der Studierenden an den Leibesübungen nicht
zu rechnen gewesen, und besonders wären die Korporationen, soweit
sie nicht gerade Turnen oder Sport auf ihr Panier geschrieben haben, schwer dazu zu bringen gewesen. Ein Zwang nach dieser Richtung hin kann jedoch von der Universität in keiner Weise ausgeübt werden, widerspräche er doch auch der ganzen Auffassung von der Lehr- und Lernfreiheit unserer Hochschulen.
Massnahmen zur Besserung.
Wir halten aber auch eine zwangsweise Beschäftigung der er- wachsenen Jugend mit Leibesübungen von seiten des Staates. wie es Bier und Weitz vorschlagen, nicht für angebracht, und unter den augenblicklichen Verhältnissen, bei der Machtlosigkeit der Re- gierung und dem freiheitlichen, jeder Unterordnung widerstrebenden Zug, der die Volksmassen beherrscht, auch gar nicht für durchführbar: fürchten auch, dass bei diesem Pflichtiahr der Leibesübungen bzw. des Arbeitsdienstes die alten Auswüchse des Militarismus nicht be-— seitigt, vielmehr von neuem wieder erstehen würden. Denn einem jeden, besonders wenn er längere Zeit im Ausland weilte und sich dort ein freieres Urteil bilden konnte, sind die Schattenseiten unserer militärischen Erziehung, insbesondere die geringe Ausbildung der selbständigen Persönlichkeit und des Verantwortungsgefühls, nicht un- bekannt geblieben..
Auf unseren Schulen ist hierauf bisher auch viel zu wenig oder gar kein Gewicht gelegt und gerade die Musterschüler haben häufig, im Leben auf sich gestellt, versagt. Hier kann durch eine geeignete Körpererziehung Abhilfe geschaffen werden. denn durch Turnen, Spiel und Sport und die damit zusammenhängenden Wettkämpfe wird nicht nur der Körper gestählt und ausgebildet, sondern auch Mut, Willenskraft, Geistesgegenwart, Selbstbeherrschung und das Verantwortungsgefühl geweckt.
Schulturnen.
Wenn wir also für die Schulen die zwangsweise Einführung der Leibesübungen fordern und zwar für alle Schüler, Knaben und Mädchen, Schwächliche und Kranke, denn gerade diese bedürfen zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit besonders der körperlichen Ertüchtigung, so sollen die Kinder doch niemals diesen Zwang emp- finden, sondern die Lust und Liebe zu Spiel und Sport soll ihnen von Jugend auf geweckt und anerzogen zu einem dringenden Be- dürfnis werden. Derartige Zwangsmassregeln wird auch Du Bois Reymond gelten lassen, der sich in einem Aufsatz(Umschau 1919 Nr. 51) gegen das Biersche Pflichtiahr der Leibesübungen wendet.
Um aber dieses Ziel zu erreichen, müssen wir vor allen Dingen über gut ausgebildete Lehrer verfügen, die für ihren Beruf begeistert der Jugend die Liebe zur körperlichen Betätigung einzupflanzen ver- stehen, sowie Aerzte, die auf Grund ihrer spezialistischen Ausbildung,


