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Zur Frage der Leibesübungen / von Prof. Dr. Huntemüller in Giessen
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schon auf der Hochschulé ein kollegiales Verhältnis herausbilden, dass dann draussen in der Praxis wieder unserer heranwachsenden Jugend zugute käme.

Neben dieser theoretischen Beschäftigung sollen aber die Leibes- übungen von ihnen vor allem auch praktisch betrieben werden. nicht nach der amerikanischen Methode, die zu sehr Höchstleistungen zu erzielen sucht, sondern mehr nach der schwedischen Schule, die von physiologischen Gesichtspunkten ausgeht, und vor allem nach griechischen Vorbildern, die den Standpunkt der Aesthetik vertreten, und auf die auch unser deutsches Turnen zurückgeht. Wir wollen uns überhaupt die Griechen zum Vorbild nehmen und in gleicher Weise Körper- und Geisteskultur treiben; dass die letztere dabei zu kurz kommen könnte, ist bei der Veranlagung des deutschen Volkes wohl nicht zu befürchten.

Wie aber die Griechen bei ihrer Gymnastik, die ja wie der Name sagt, nackt betrieben wurde, grossen Wert auf die Hautpflege legten, so wollen auch wir unsere Uebungen nach Möglichkeit un- bekleidet und im Freien an der frischen Luft ausführen lassen. denn gerade die Hautkultur ist von den modernen Kulturmenschen in ganz falsche Bahnen gelenkt, da der Körper wohl gebadet, aber an den bekleideten Stellen ängstlich vor der Finwirkung von Licht und Luft geschützt wurde. Ihre Bedeutung für die menschliche Gesund- heit ist in den letzten Jahren immer mehr und mehr erkannt und erforscht worden, und die Abhärtung des Körpers durch Freiluftbe- handlung ist eines der wichtigsten Mittel im Kampfe gegen die Er- kältungskrankheiten und besonders gegen die während des Krieges so weitverbreitete Tuberkulose geworden.

Wir versprechen uns von der ausreichenden körperlichen Be- tätigung und der Gelegenheit, die überschäumende Jugendkraft in Spiel und Sport auszutoben, eine Ablenkung von Bacchus und Venus und damit zugleich auch ein Bewahren vor den Gefahren der Ge- schlechtskrankheiten. Dass diese Uebungen wenigstens nach dem Kleinkinderalter für beide Geschlechter getrennt getrieben werden sollen, bedarf wohl keiner weiteren Erwähnung. Auch soll die Be- tätigung der weiblichen Jugend im Turnen. Spiel und Sport eine ganz andere sein als die der männlichen. Hier haben uns die schwedische Gymnastik und die verschiedenen modernen Tanzschulen schon gute Vorbilder gegeben.

Beiden Geschlechtern gemeinsam soll aber die Schulung und Kräftigung der lebenswichtigen Organe sein. So müssen insbesondere Atemübungen getrieben werden zur Kräftigung der Lungen im Kampf gegen die Tuberkulose. Ferner müssen Vorbeugungsmassregeln ge- troffen werden zur Bekämpfung der leider in unseren Schulen immer mehr und mehr um sich greifenden Kurzsichtigkeit, die in den Ober- klassen unserer Gymnasien und Realschulen schon einen Prozent- satz von über 50 erreicht hat.

Anstellung von Iur n-, Spiel- und Sportleitern.

Wenn nun in Giessen sich genügend Dozenten für die theoreti- schen Fächer finden, die bereitwillig ihre Mitwirkung zur Verfügung gestellt haben, so stösst doch die Gewinnung von geeigneten Per- sönlichkeiten zur Leitung der Turn-. Sport- und Spielübungen, und zwar für beide Geschlechter, auf Schwierigkeiten. Das Haupt- hindernis liegt hier in der Geldfrage. Bisher war von der Universität