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Tage konnte ich nicht ſchreiben.“ Die Tat vom 21. 4. iſt im Heeresbericht vom 22. 4. 1917 beſonders erwähnt. Auch bei der Offenſive im Frühjahr 1918 kämpfte Karl Wiener in vorderſter Linie. Sein Regiment drang ſo weit vor, daß ſie wieder unzerſchoſſene Dörfer und grünende und blühende Bäume ſahen, ein Anblick, der ganz überraſchend wirkte, wie er in einem Briefe ſchrieb. Bis dahin unverwundet geblieben, traf ihn am 19. Auguſt 1918 bei Vieux Berquin eine engliſche Ma ſchinengewehrkugel. Die Engländer waren an dieſem Tage mit überlegenen Kräften links und rechts von ihm durchgebrochen. Trotzdem hielt er die Stellung noch 2 Stunden, bis auch die letzte Patrone verſchoſſen war. Auf dem Rückzuge aus dieſer Stellung erhielt er dann den Schuß durch den linken Ober⸗ ſchenkel. Die Heilung der Wunde dauerte ihm zu lange. Auf ſeinen Wunſch wurde er noch nicht völlig geheilt zum Regiment entlaſſen, dort aber, weil noch nicht dienſtfähig, auf 3 Wochen in die Heimat beurlaubt. Am 29. Oktober wollte er zu ſeiner Truppe zurückkehren, zwei Tage vorher erkrankte er aber an Grippe, die das junge, hoffnungsvolle Leben am 3. Nov. 1918 auslöſchte.
Karl Wiener war ein tief angelegter, ernſt gerichteter Menſch von großer Willensſtärke und liebenswürdigem Weſen. An ſeiner inneren und geiſtigen Ausbildung arbeitete er auch während der langen Kriegsjahre, eifrig darauf bedacht, nicht dem Stumpf ſinn des Schützengrabens zu verfallen. Zeugnis dafür legen ab die im Versmaß des griechiſchen Textes verfaßten Ueber⸗ ſetzungen ſophokleiſcher Tragödien. Daneben beſchäftigte er ſich viel mit Kantiſcher Philoſophie. Mit den Angehörigen ſeiner Kompagnie verband dieſen vortrefflichen Menſchen enge Kame⸗ radſchaft; in ihren perſönlichen Nöten wandten ſie ſich gern an ihn, der ihr Zutrauen in hohem Maße beſaß. Das Regiment ſagt in dem Nachruf über ihn:„Tiefbetrübt verliert das Re giment in ihm einen Offizier von vornehmer Geſinnung, der bei jeder Gelegenheit unermüdlichen Dienſteifer und ſeltene Pflichttreue bewieſen, der durch tapferes Verhalten und ſein in allen, auch den ſchwerſten Lagen ſtets zuverſichtliches Be⸗ nehmen auf ſeine Untergebenen ſo beſonders belebend einzu wirken verſtand.“ Wir fühlen beſonders mit dem l. Vater, der ſeinen einzigen Sohn, der während 4 ½ Kriegsjahren alle ſchwe ren Gefahren überſtanden hatte, an einer tückiſchen Krankheit am Ausgang des Völkerringens verloren hat. Der 9. November 1918 aber iſt ihm erſpart geblieben.
Streut Roſen auf ihr Grab und Lorbeer auch Und laßt das eine euch zu tiefſt durchſchauern: Deutſchland zu ſchirmen bis zum letzten Hauch Und gilt es Opfer unerhört Bei unſern Toten: ſchwört!
(G. Falke).


