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Trotz aller Opfer an Gut und Blut ſind wir, nein haben wir uns ſelbſt vom Herrenvolke der Erde zum Knecht unſrer Feinde, zum Spielball ihrer Launen erniedrigt, koſten wir faſt mit ſelbſtquäleriſchem Genießen das alte Wort vae vietis! bis zum letzten Tropfen aus, obwohl wir doch die invieti bis zum letzten Tage geweſen ſind und erſt, als wir ſelbſt die Waffen weggeworfen, uns wehrlos gemacht, vom ſtaunenden Feinde, der uns noch heute fürchtet, uns haben in Ketten ſchlagen laſſen!
Und dennoch!
„Kein Verzagen, ſondern ein Anfang zu neuem Aufſtiege!“, die Mahnung des 18. Januar ſoll auch die unſre heute ſein; auch„unſre Totenklage ſoll ſieghaft durchdrungen ſein vom Heldenmotiv“! Man hört häufig ausſprechen, hat’s wohl ſelbſt in einer Stunde tiefſten Ekels und der Verzweiflung einmal geſagt und auch gefühlt:„Glücklich die Toten, die den Jammer unſrer Tage nicht mehr zu ſehen brauchen, die dahingegangen ſind, als Deutſchland noch groß und geachtet war, im Vertrauen auf ſeinen endlichen Sieg“. Es wäre unendlich traurig, wollten wir damit unſere Gefühle für unſre Toten erſchöpfen; dann wären ſie in der Tat umſonſt gefallen, dann wäre das Warum berechtigt. Ja, ſie ſind glücklich, weil ſie für einen großen Gedanken, für's Vaterland gefallen ſind und ſeine Größe, ſeinen Sieg mit in ihr Grab genommen haben, wo ſie ſie hüten bis zu ihrer Wiedererweckung dereinſt. Sie haben ihr Leben, wenn’s auch jung verklungen iſt, erfüllt, gewonnen, nach dem Schiller⸗ wort: Und ſetzet Ihr nicht das Leben ein, nie wird Euch das Leben gewonnen ſein! Sie haben den fauſtiſchen höchſten Augen⸗ blick gefühlt, nach dem alles andre ſchaal iſt. Jeder, der in Not und Todesgefahr draußen geſtanden, hat ja wohl einen Schimmer wenigſtens des Hochgefühls einmal empfunden, den höchſte Pflicht⸗ erfüllung vor'm Feinde, das Losgelöſtſein von allen Beziehungen und Gewohnheilen des täglichen Lebens, ausgelöſt haben. Und wer im Leben dem Kriegshandwerk am fernſten ſtand, deſſen Leben und Ideale auf ganz andren Gebieten ſpielten, vielleicht noch mehr wie andre; die Totgeweihten wohl am tiefſten. Wir haben viele Zeugniſſe dafür; wie bezeichnend iſt die Stelle in dem Briefe von Otto Braun, dem Frühvollendeten, den er ſeinen Eltern nach ſchwerem Kampfe ſchrieb, in dem viele ſeiner Leute, in dem ſein beſter Freund gefallen, noch unter dem Eindruck von alle dem Grauen; er, der Aeſthet, der Schwärmer für die Antike, dem ein Vers von Homer oder Hölderlin, ein Bild, eine Blume Tränen der Rührung entlockten, ſagt etwa:„Ich verſichere Euch, daß da draußen in allem Schmutz und Schauder Dinge geſchehen, größer und leuchtender als viele Werke des Friedens“. Auch von einem Zeugniſſe eines der da droben will ich erzählen; ich habe es erſt einmal, am Tage der Konfirmation, meinem älteſten Jungen, deſſen Pate er war, erzählt. Es iſt ein Zeugnis voll männlicher Keuſchheit, deſſen Weichheit nur das Krankenlager dem ſonſt innerlich ſo Herben zu entlocken vermochte. Es war die Kompagnie in ſchwerem Kampfe; ſie ſtand unter ſchwerem Feuer und man wußte nicht, wo es her kam; da rief er Freiwillige zur Erkundung auf und eine helle Stimme antwortete ihm: „Wohin Sie uns führen, Herr Oberleutnant, da gehen wir alle mit!“ Er zieht mit ſeinen Freiwilligen los und wird gleich anfangs verwundet; ein Mann trägt ihn zurückz es iſt derſelbe, der den Ruf getan, ein— Fabrikarbeiter. Da hat er das Wort „Kameradſchaft“, ihm ſonſt„in ſeiner öden Kriegervereinsbedeu⸗ tung“ verhaßt, zum erſten Mal gefühlt. Und wie er dann verbunden vom Verbandsplatz zurückgeht, da fühlt er ein ſolches


