Druckschrift 
Weihnachtsgruß der Universität Gießen an ihre Studenten im Felde / [Großherzogliche Hessische Ludwigs-Universität zu Gießen; die Zeichnungen sind von Professor Otto Ubbelohde]
Entstehung
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ſie gekannt, wie wir ſie kennen lernen. And man ſage uns nicht, unvergleichlich mit Allem, was zuvor war, ſei dieſe Macht und über⸗ macht heute. Ich denke: unvergleichlich iſt auch unſere eigene Rüſtung, unvergleichlich die Einigkeit deutſcher Stämme, die wir erleben: das ganze Deutſchland, wie Arndt es nur ahnte, wir mit Händen greifen; in dieſer Einheit der Wille zum Staat, nach dem ſich die Beſten ſehnten, den wir unſer nennen; in dieſem Staat die wuchtige Kraft der Waffen, die die Großen uns geſchmiedet, mit denen wir ſchlagen dürfen. Wir ſollten nicht hoffen? Aber unſer Wirtſchaftsleben kann es dieſe unerhörte Belaſtung ertragen? Zuverſichtlich reden von ihm die, die ſeine Triebfedern kennen und das geheime Gewebe der Kräfte in ihm überſchauen. Wir anderen, wenn wir laienhaften Sinnes nach ihm fragen, müſſen uns anders zu helfen ſuchen. And wir können es. Arm, wenn wir an die beiden weſtlichen Gegner denken, iſt unſer Land und Volk durch Jahrhunderte geweſen: hat die Armut ihm geſchadet? iſt nicht in all der Not, die ihre ſtändige Begleiterin war, deutſcher Fleiß, deutſches Pflichtbewußtſein wie auf fruchtbarſtem Boden gewachſen? Wir ertragen die drängende Not der Zeit auch heute wieder, wir werden ſie ertragen auch in kommenden Jahren. Dann werden wir ſtolz unſer Geſchlecht den Geſchlechtern der Vergangenheit anreihen. Wir wollen und wir werden, auch ſo, ihrer würdig werden. And die Hoffnung trägt uns auch über dieſe Sorge hinaus. Aber iſt es des Blutes nicht zu⸗ viel, das gefloſſen iſt und noch weiter fließt? Wir zumal an deut⸗ ſchen Hochſchulen ſpüren die furchtbare Laſt dieſer Frage. Anſere Hörſäle verödet wie werden ſie ſich wieder füllen? Wie viel beſte Kräfte, die der Wiſſenſchaft für immer entzogen wurden! Wie viel treue Arbeit, die ſich auf ihr Lebenswerk im Volksganzen rüſtete, die unerſetzt und unerſetzlich dahin iſt! Aus der Lberfülle, die uns zuvor manchmal leiſe erſchreckte, iſt eine Leere geworden, vor der uns ſchaudern will. Aber darin doch ſind wir wieder einig, daß wir um dies Blut nicht klagen und trauern, das ſo willig, ſo freudig gegeben wurde: von dem, das aus unſeren Reihen gefloſſen iſt, wiſſen wir, daß es ſo war. And dann wollen wir dennoch mit den Opfern zu rechnen anfangen? Nur ſorgend nach dem Erſatz ausſchauen, den wir noch nicht ſehen? Wem dies Blut heilig iſt und bleibt, der muß ihm den trotzigen Glauben entnehmen, daß es Segen wirken muß, bis in ferne Zeiten hin. Er fragt nicht, wie das möglich ſei. Er glaubt und hofft. And Hoffen wird ihm ſtärker als alle Sorge.

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