Druckschrift 
Weihnachtsgruß der Universität Gießen an ihre Studenten im Felde / [Großherzogliche Hessische Ludwigs-Universität zu Gießen; die Zeichnungen sind von Professor Otto Ubbelohde]
Entstehung
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Leben ſelber, wird auch die Sorge ſich in dieſer Zeit erheben: wird auch die Hoffnung Raum finden in ihr?

Am unſere Geſchichte ringen wir. Soll ſie, wie die Feinde wollen, vergeblich geſchehen ſein? Amſonſt all dieſe Fülle von Not, Schmerz, Leid, die die Jahrhunderte deutſcher Geſchichte kennzeichnen? Amſonſt all das Aufgebot von Tapferkeit und Treue, von großen und guten Gedanken, das ſie erfüllt? Nachdem endlich in letzten Jahrzehnten ein ſcheinbar leichterer, hellerer Tag den Deutſchen er⸗ ſchienen war, ſollen wir wieder zurückfallen in alte Kümmernis und Not? Auf Ideen ſpielen die Feinde den Kampf hinaus; um Ideen des Rechts, der Freiheit, des Völkerfriedens ſind ſie, wie ſie ſagen, zu bluten bereit. Sie ahnen nicht, welche Erinnerungen und welche Sehnſucht ſie mit ihrem Lügengerede in uns wecken. Denn freilich um unſeren Staat handelt es ſich heute. Dieſer Staat der Gegen⸗ wart aber umſchließt in ſich die ganze deutſche Vergangenheit. And welche Stellung nehmen in dieſer die Ideen ein! Wie ſtehen unter ihnen diejenigen ganz zurück, die für die Wirklichkeit des Staates die bezeichnendſten ſind! Zu gering vielleicht haben wir Deutſche von der Erde Beſitz und Gut, von möglicher Machtſtellung im Kreiſe der Völker gedacht. Zu ſpät vielleicht haben wir uns auf die geſammelte Kraft beſonnen, die im Staat einem Volk die befrie⸗ digende Gewähr ſeines Lebens bietet. Nun wir ihn endlich haben, denken wir doch nicht, in der neuen Burg des alten deutſchen Haus⸗ geräts uns zu entledigen. Wir meinen vielmehr, daß dieſer Staat von heute ſich auf eine geiſtige Vergangenheit ohne Gleichen gründet, daß ſein innerſter Wert gerade auf dieſem geiſtigen Erbe ruht. Wenn wir um deutſche Geſchichte ringen, ringen wir um dieſe ganze Vergangenheit, um allen Reichtum, der aus ihr dem Staat der Gegenwart zugefloſſen iſt. Gerade das macht die Notwehr dieſes Krieges uns zu unerbittlicher Pflicht. Der Bettler, der nichts zu verlieren hat, mag ſorglos zuſehen, wie das Feuer das Strohdach ergreift, unter dem er ſchlief. Wer heiliges Gut im Väter⸗ererbten Hauſe geborgen weiß, den weckt die Sorge, wenn Gefahr ihm droht.

Sorge gewiß begleitet den harten Kampf der Gegenwart. Nach deutſcher Zukunft ſchauen wir ſorgend aus. Aber ich meine doch, wenn wir in dieſer Gegenwart um das Erbe der Vergangenheit kämpfen, dann iſt uns, als ob alle Glieder dieſer Vergangenheit wieder mit uns um die Gegenwart kämpfen. And mit ihnen ſteigt aus den Gräbern die Hoffnung auf. Abermacht der Feinde ſie haben

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