Druckschrift 
Weihnachtsgruß der Universität Gießen an ihre Studenten im Felde / [Großherzogliche Hessische Ludwigs-Universität zu Gießen; die Zeichnungen sind von Professor Otto Ubbelohde]
Entstehung
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Hoffnung. Wir heißen Euch hoffen. jelten nur, und immer nur für ganz kurze Zeiten, lebt der Menſch der Gegenwart allein. Hold mögen uns jene Feierſtunden er⸗ ſcheinen, die verführeriſchen Boten der Vergeſſenheit und Sorgloſig⸗ keit, die uns einladen, ganz einzutauchen und aufzugehen im Glück des Augenblicks. Wir weiſen ſie nach kurzem Gruß immer wieder von uns. Zu des Menſchen Größe und Ade!, aber auch zu ſeiner herben Not gehört es, nach einer zeitlichen Ewigkeit ſich zu ſtrecken. Alle Vergangenheit, die längſt begrabene, die nimmer wiederkehrt, ſuchen wir feſtzuhalten, als lebte ſie noch. Aber ihren Gräbern webt die Trauer ihr dunkles Geſpinſt; aus dieſen ſelben Gräbern ſteigt immerfort das Erbe der Menſchheit auf und ruft zu neuem Leben und Schaffen. Dies Schaffen gehört der Zukunft. Ihr darum ge⸗ hören mit unſerem ganzen Streben wir ſelber an. Aber in dies verdeckte Land leitet auch kraftvollſtes Handeln nur ein verfeindetes Geſchwiſterpaar: Sorge und Hoffnung. Vergeblich ſuchen wir uns einzureden, daß es doch nur törichte Fantaſiegebilde ſind, die der Nacht ihre Sterne, dem Tag ſeine Wolken nehmen wollen. Als Menſchen leben wir nimmer ohne die beiden. Nur das iſt die Frage, wie es gelingen mag, lichter Hoffnung den Sieg zu erkämpfen üben graue Sorge.

Nicht wie jene ſeltenen Feierſtunden ſieht uns die Gegenwart heute an. Aber das Necht ſcheint ſie zu haben, all unſere Kraft und mit ihr all unſere Gedanken allein für ſich zu fordern. So un⸗ geheuer iſt dies Weltgeſchick, das unſer Vaterland bedroht, daß Alles zurücktritt hinter dieſem Einen, wie wir uns ſeiner erwehren und nur jetzt, für dieſen Tag heute, halten, was wir haben, und bewahren, was man uns zerſtören will. And doch gibt es dies Heute nicht ohne das Geſtern, aus dem es hervorging, und nicht ohne das Morgen, dem es entgegeneilt. Auch in höchſtgeſteigertem Leben, das alle Nerven auf die Pflicht des Tages ſpannt, können wir es nicht laſſen, nach jenen Doppelfernen der Zeit auszuſchauen, die alle Gegenwart rätſelhaft umklammert halten. Aber geſteigert wie das

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