Sind wir vereint zur guten Stunde. Nachdenkliches über ein altes Studentenlied.
o‿in vaterländiſcher Studentenabend im Sommer 1916. Im Saal
des Hotel„Schütz“— er genügt unter den jetzigen Verhältniſſen für eine Veranſtaltung der ganzen Studentenſchaft— ſitzt die Ju— gend, die nicht oder noch nicht zur Fahne einberufen iſt— die bunten Mützen haben ſich wieder hervorgewagt— zwiſchen dem Zivil zahl— reiche Feldgraue und manche der eifrigen Hörerinnen, die man heute in den Hörſälen findet. Der Rektor eröffnet die Verſammlung in Vertretung des erkrankten Vorſitzenden des ſtudentiſchen Ausſchuſſes, und ſeine ſcharfe Stimme klingt gerade durch den Saal, als ich ein⸗ trete:„Wir ſingen das erſte Allgemeine, Seite 94: Sind wir ver⸗ eint zur guten Stunde“. Ich finde ſchnell ein Plätzchen zwiſchen einem alten Herren und einem Feldgrauen, und ſchon ſpielt die Muſik. Was iſt es doch für ein Eigenes um unſere wundervollen alten Studentenlieder! Man ſingt ſie immer wieder mit der Andacht und Inbrunſt, wie den Choral in der Kirche. Könnte es etwas Schöneres geben in dieſer Stunde, als dieſes Lied unſres Arndt?
„Silentium für den erſten Vers!“ ruft der Rektor, und das Lied ſteigt, und während die jungen Stimmen kräftig ertönen, wan⸗ dern meine Gedanken und vergleichen in den Stimmungen und den Bildern des Liedes das Einſt und das Jetzt. Hundertundzwei Jahre ſind es her, daß Ernſt Moritz Arndt dieſes Lied gedichtet hat. Die Sprache der Freiheitskriege, die hohen ſittlichen Ideale und die ſtolze Begeiſterung einer großen Zeit klingen uns machtvoll aus ſeinen Strophen entgegen. Wie ganz anders verſtehen wir dieſe Sprache und dieſe Empfindungen heute als ſonſt in Friedenszeiten. Jede Zeile zwingt das Bild der großen Kömpfe unſerer Zeit vor unſere Seele, jeder Gedanke weckt das ſtärkſte Mitſchwingen aller Faſern unſeres Herzens, die ſchon ſolange unter der gewaltigen Spannung gewal⸗ tigſter Erlebniſſe ſtehen. Ob wohl dieſe neue große Zeit auch einen ſolchen poetiſchen Niederſchlag ihrer Gedanken und Empfindungen hervor⸗ bringen wird, wie jene Zeit vor hundert Jahren? Noch hat kein neues Lied die alten Lieder verdrängt. Seien wir dankbar für den Schatz an altem Gold, den wir beſitzen und nur im Geiſte umzuprägen brauchen.
15


