Druckschrift 
Weihnachtsgruß der Universität Gießen an ihre Studenten im Felde / [Großherzogliche Hessische Ludwigs-Universität zu Gießen; die Zeichnungen sind von Professor Otto Ubbelohde]
Entstehung
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Wir empfinden die Notwendigkeit, daß das Recht den Kultur⸗ verhältniſſen und den Auffaſſungen der Zeit gerecht wird. Wir wiſſen, daß wir an der Entwicklung des Nechts emſig gearbeitet haben, aber wir fühlen jetzt klar, daß wir noch nicht erreicht haben, was uns nottut, daß wir unſere Einrichtungen noch viel mehr der moraliſchen, politiſchen und wirtſchaftlichen Entwicklung und den Eigenarten unſerer Nationalität anpaſſen müſſen. Wir müſſen viel kleinliches Weſen aufgeben; wir müſſen im beſten Sinne des Wortes volkstümlich denken und unſer Recht auf gegenſeitiges Vertrauen gründen. Das wird keine kleine Aufgabe für uns ſein, aber mit unſerer bisherigen Rechtsbildung und unſerem Streben fühlen wir uns ihr gewachſen, wenn es auch dem einzelnen ſchwer iſt, die Ver⸗ hältniſſe richtig zu erkennen. Es bedarf nur des feſten Willens, ohne ihn gibt es keine guten Juriſten.

Freilich möchte mancher verzagen, wenn er ſieht, wie draußen Anverſtand, Selbſtſucht und Habgier, Haß und Neid und rohe Ge⸗ walt die Gegner des Rechts herrſchen, und wie auch bei uns ſoviel Kleinheit und Selbſtſucht ſich zeigen. Aber das ſind Schwächen der Menſchen, die immer daſein werden. Wir wiſſen jetzt, wie mächtig ſie noch ſind, wie groß unſere Aufgabe noch iſt. Bei ihr muß der Juriſt in vorderſter Linie ſtehen. Er kann nach ſeiner Bildung die ſtaatlichen und menſchlichen Verhältniſſe und Kräfte und unſere Entwicklung überſchauen; er kennt die Bedeutung der inneren Anterordnung des einzelnen unter das Ganze und die Wohl⸗ tat der allgemeinen Ordnung mit am beſten.

Kommilitonen! Große Aufgaben harren unſer aller! Sie bringen dazu neue Kräfte mit herein, da Sie feſt im Charakter, den Ernſt der Zeit voll erkennend, den Kampf gegen das Schlechte nicht ſcheuend, ruhig die Verhältniſſe erwägend, hoffnungsfroh und mit ſtillem, pflichterfüllendem Idealismus heimkehren zur einfachen, oft drückenden Tagesarbeit. Beleben Sie damit die Daheimgebliebenen; wir wollen von Ihnen darin lernen, unſere Erfahrungen mit Ihnen austauſchen und mit Ihnen zuſammen für unſer Vaterland arbeiten. Dann werden wir ſtark ſein in dem Gedanken, daß das Recht in unſerem Staat und im Völkerleben immer obenanſteht.

Dr. Wolfgang Mittermaier i. V. des Dekans der Juriſtiſchen Fakultät.