Druckschrift 
Begrüßungs-Feier für die aus dem Felde heimgekehrten Studierenden in der Neuen Aula der Ludwigsuniversität am 9. März 1919 / [Begrüßungsworte des Rectors Geh. Medizinalrats Prof. Dr. Hans Strahl, Ansprache des Geh. Kirchenrats Prof. D. Dr. Gustav Krüger, Dankworte des Vorsitzenden des Ausschusses der Studenschaft stud. theol. Friedrich Wilhelm Bernbeck]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Fragen von allen am ſchwerſten oͤrücken. Mir ſcheint die gei⸗ ſtige Not unſeres Volkes noch größer zu ſein als ſeine leib⸗ liche, und es iſt mir nur ein ſchwacher Troſt, daß dieſe gei⸗ ſtige Not bedingt ſein möchte durch die leibliche und ſomit auch mit ihr wieder vergehen werde. Fber dann fällt mein Blick auf Euch, Ihr jungen Kommilitonen! Das gerade iſt ja Gottes Segen an Euch geweſen in Eurer harten, opfer⸗ reichen Zeit, daß Ihr da draußen mit dem Volk zuſammen waret, daß Ihr Freud und Leid, Mühe und Rrbeit, Scherz und Erholung mit ihm teilen, daß Ihr in ſeine Seele ſchauen durftet. Und ſo heiſche ich von Euch die Antwort auf meine Frage: iſt denn das wirklich die Seele des Volkes, was da rings um uns herausbricht in entſetzlichen, allem menſchlichen Empfinden Hohn ſprechenden flusſchreitungen? Ich mag's nicht glauben, und Ihr könnt es nicht. Ihr, denen die Zu⸗ kunft dieſes Volkes anvertraut iſt, Ihr dürft oer Stimme des verſuchers nicht Raum geben, die Euch in's Ohr raunt: Dies Volk verdient nicht, daß Ihr es liebt!

Aber, will denn das Volk geführt ſein? Es hat ſich ja ſelbſt in den Sattel geſetzt, hat ſelbſt die Zügel in die Hand genommen: wohlan, ſo laßt es reiten. Gewiß, wir leben in einem demokratiſchen Staatsweſen, das heißt in einem Staats⸗ weſen, das dem Volkswillen in Geſetzgebung und Verwaltung entſcheidende Bedeutung eingeräumt wiſſen will. Ich darf hier nicht in eine Erörterung darüber eintreten, ob für diejenigen, die dieſe Tatſache anerkennen und die ihre ſtaatsbürgerliche Betätigung auf ſie einzuſtellen gedenken, die Frage nach der Verfaſſungsform eines ſolchen Staatsweſens durch die gegen⸗ wärtige Entwickelung als gelöſt angeſehen werden muß. Ich perſönlich bekenne mich zu denen, für die das ſchöne Wort vom Kaiſer im Volksſtaat ſeinen Zauber, und nicht nur ſeinen romantiſchen Zauber, nicht verloren hat, und die es ſchmerz⸗ lich empfinden, daß ſeine Verwirklichung durch ein Zuſammen⸗ treffen unglücklichſter Umſtände unmöglich geworden iſt. Etwas Anderes aber iſt es, was ich betonen möchte. Mirr ſcheint, die Anerkennung der Demokratie legt uns die Pflicht auf, nunmehr für die Rechte der Sozialariſtokratie, und zwar im

11