Druckschrift 
Trauerfeier für die Gefallenen der Ludwigsuniversität in der Neuen Aula am Totensonntag 1919 / [Ansprache des Rectors Prof. Dr. Karl Kalbfleisch, Rede des Prof. D. Dr. Martin Schian, Ansprache des Vorsitzenden des Gesamtausschusses der Studentenschaft std. rer. pol. Otto Estenfeld]
Entstehung
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In ihrem Willen zum Vaterland lag die Opferbereit⸗ ſchaft beſchloſſen. Vielleicht iſt ſie das Wichtigſte, was wir heute neu zu lernen haben. Der Kampf ums Daſein, den wir führen, macht die Herzen hart. Gerade die akademiſch Ge⸗ bildeten erfahren ſchwere Beoͤrängnis. Was gilt geiſtige Ar⸗ beit, wenn die Sorge der Nahrung und Kleioͤung alles be⸗ herrſcht? Ruch die Geiſtesarbeiter ſcharen ſich zuſammen, um ihr Recht auf Leben zu verteidigen. Es kann ſein, daß ſie darauf viele Kraft verbrauchen werden. Niemand darf ihnen in den firm fallen, wenn ſie um ihr Daſein kämpfen. Rber niemand könnte ihnen verzeihen, wenn ſie darüber den hei⸗ ligen Opferwillen verlören. Mögen andere Stände nur noch ſich ſelber wollen, unſer Blick muß weiter gehen, unſer Herz darf nicht eng werden. Die Gefallenen des Weltkriegs mahnen uns zum Opferwillen fürs Vaterland.

In jenem Willen zum Vaterland lag auch der Wille zur Einheit. Wir wiſſen ja, wie feſt oamals ganz Deutſchland zu⸗ ſammenſtand. Millionen Herzen und ein Gedanke! Ruch ourch die Reihen der Kämpfer, die von uns auszogen, ging der gleiche Strom der Liebe zum Volk, zum Vaterland. Sie waren alle einig: auch die Gruppen, die ſich ſonſt wohl im akademiſchen Leben kühl gegenüberſtanden. Jetzt iſt die Ein⸗ heit zerbrochen. Deutſchlands altes Leiden, die Parteiſucht, brach hervor, ſtärker als je, verhängnisvoller, als wir ahnen konnten. Wir werden die Parteien nicht bannen; ſie beſtehen in allen Völkern mit parlamentariſchem Leben. Sie werden in den neuen Verhältniſſen, in denen der Sieg der Partei unmittelbar auch die Beteiligung an der Regierung zu be⸗ deuten pflegt, noch weniger verſchwinden können als in der alten Zeit. Aber der Zuſtand, der ſchon in der letzten Kriegs⸗ zeit ſich anbahnte und in dem wir nun ein Jahr lang lebten, muß aufhören, wenn Deutſchland leben ſoll. Mögen wir die Dinge mehr als andere Völker grundſätzlich zu nehmen geneigt jein, mögen wir jetzt oͤurch die nervöſe Uberreizung, in der wir leben, leidenſchaftlicher als ſonſt urteilen, mögen manche Erſcheinungen aus der Tiefe in unſerem Volk uns bis in die