Druckschrift 
Trauerfeier für die Gefallenen der Ludwigsuniversität in der Neuen Aula am Totensonntag 1919 / [Ansprache des Rectors Prof. Dr. Karl Kalbfleisch, Rede des Prof. D. Dr. Martin Schian, Ansprache des Vorsitzenden des Gesamtausschusses der Studentenschaft std. rer. pol. Otto Estenfeld]
Entstehung
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Krieges gewonnen habe; ſie ſchätzen das, was die Umgeſtal⸗ tung unſerer Verfaſſung gebracht, ſo hoch ein, daß es reichlich aufwiege, was wir verloren haben. Haben ſie Recht? Wir können heut das Für uund Widͤer nicht prüfen. Denn dͤie Stunde ſteht zu hoch, als daß wir oem Kampf der Meinungen zu ihr Zutritt gewähren dürften. Rber das Eine ſteht über allen Streit hinaus feſt: Wohl ſind auch unter den Gießener Kämpfern, die in dieſem Krieg ihr LUeben ließen, allerlei Geiſter geweſen; nicht ganz wenige werden das Ideal einer ſozialen Erneuerung Deutſchlanoͤs in ihrem Herzen getragen haben; und auch über die Staatsform werden nicht alle ganz gleich gedacht haben. Aber keiner von ihnen iſt der Meinung geweſen, daß das Deutſchland vor 1914 nicht wert geweſen wäre, daß man ſein Leben dafür gäbe. Und noch weniger hätte auch nur einer von ihnen ſein Leben geopfert, um aus dem ſtarken, ſtolzen, freien Deutſchland von 1914 das ohn⸗ mächtige, demütige, geknechtete Deutſchland von 1919 ſchaffen zu helfen. Darum iſt uns der Hinweis auf das, was manchen als Gewinn erſcheinen mag, kein Troſt. Keine neue Ver⸗ faſſung kann uns über die Tatſache hinweghelfen, daß wir alle, Glieder aller Stände, ein ganzes Volk, Unendliches verloren haben, den Ertrag langen Krieges, oen Gewinn mühevoller frbeit. Das Deutſchland, das ſeinen Söhnen ein ſtarker Hort und eine Heimat war, iſt nicht mehr.

Aber man bietet uns noch einen anderen Troſt. Wir dürfen ſo ſagt man uns unſer hoffen nicht eng auf nationale Ziele einſtellen. Kicht das Glück eines Volkes und ſei es das deutſche! gelte es, ſondern das Glück der Menſchheit. Dieſem Glück aber ſeien wir trotz allem näher gekommen. Schon zeichne ſich in erkennbarer Klarheit am Horizont die Verwirklichung einer Völkergemeinſchaft ab, in der ein Volk gleichberechtigt neben dem anderen leben werde, in der kein Raum mehr ſein werde für nationalen Egoismus oder gar für Unteroͤrückung des einen Volkes durch ein an⸗ deres. Die Botſchaft hören wir; aber uns fehlt der Glaube. Kicht, weil unſere Herzen nicht fähig wären, weltweite Ziele