Rede des Prof. D. Dr. Martin Schian.
Hochanſehnliche Herſammlung! Sehr verehrte Herren Kollegen! giebe Kommilitonen!
Wir ſtehen in einer Stunde von laſtenoͤer Schwere. Denn dieſe Feier zwingt den Blick rückwärts zu jenen anderen Feiern vor fünf Jahren, bei denen wir hier in derſelben flula in hunderte von jungen fugen ſchauten, die in heiliger Ent⸗ ſchloſſenheit und frohbereitem Opfermut blitzten. Dem In⸗ fanterie⸗Kegiment(Kaiſer Wilhelm) 110, dem RKeſerve⸗In⸗ fanterie⸗KRegiment 222 galten damals Reden, Grüße und Wünſche. Wo ſind ſie geblieben, die als Glieder der Ludo⸗ viciana in jenen Formationen ſtanden? Unſer Blick wandert weiter; er geht mit ihnen und mit den in anderen RKegi⸗ mentern VYerſtreuten in Feindesland; er ſieht, wie ſie die Reihen der Feinde in Belgien zurückoͤrängen, wie ſie in ſchau⸗ rigem nächtlichem Kampf gegen Ie Quesnoy vorſtürmen; er geleitet ſie auf dem Zug ins herbſtlich⸗winterliche Polen, auf furchtbaren Märſchen in den ſchnee⸗ und eisſtarrenden Kar⸗ pathen. Er ſucht ihre Spuren— ja, wo haben nicht überall Gießener gekämpft?— im weiten Rußland, in der Ukraine, in Serbien, Siebenbürgen und Rumänien, ja in fſien. fluf Schlachtfeldern mit ruhmreichen Namen finden wir ſie, bis ins Herz der feinoͤlichen Länder. Aber wo blieben die Sieger? Wie viele kehrten heim? Die Schlachtfeloͤer waren Felder voller Totengebeine.....
Wir ſtehen in einer Stunde voll laſtender Schwere. Wohl hörten wir die Trauerbotſchaften der Familien, der Ver⸗ binoungen. Jede einzelne brachte uns Leid. Heut aber ſehen wir die langen RKeihen der Namen aus allen fünf Fakultäten. Jeder Kame ſteht oͤraußen auf einem ganz kleinen Täfelchen; aber jeder Toè vernichtete eine große Summe von Ueben, Hoffnung, Zukunft. Manche der Botſchaften ſchnitt uns be⸗ ſonders ins Herz; wir ſtanden dem einen oder dem andern Kollegen oder Kommilitonen oder ſonſt mit unſerer Univerſität


