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früheren, jetzt nicht mehr tätigen Lehrkörper vorhanden. Es mag ſein, daß den neuen Änderungen der weitere Aufſchwung der letzten Jahre zu danken iſt, obgleich die Univerſitätsſtatiſtik zur Genüge beweiſt, daß Inſtitute und Lehrkräfte viel weniger die Frequenz der Univerſitäten beeinfluſſen, als man gewöhnlich glaubt. Ich könnte zum Beweis dieſer Wahrnehmung mancher⸗ lei Belege beibringen. Ich will mich aber hier darauf be— ſchränken, einige Geſichtspunkte hervorzuheben, die es erklär⸗ lich machen, warum Gießen mit Vorliebe von Veterinärſtudie⸗ renden aufgeſucht wird. Einmal liegt Gießen für einen großen Teil von Deutſchland, namentlich für Mittel⸗, Süd⸗ und Weſt⸗ deutſchland, ziemlich zentral und wird in dieſer Eigenſchaft durch ausgezeichnete Bahnverbindungen nach jeder Richtung der Windroſe hin kräftig unterſtützt. Dieſe Momente kommen naturgemäß nur für ſolche Fächer in Frage, deren Studien gang reichsgeſetzlich geregelt iſt, wo alſo das Staatsexamen im ganzen Reichsgebiet gilt und infolgedeſſen eine große Frei⸗ zügigkeit der Studierenden gewährleiſtet iſt. Viel wichtiger als dieſer Geſichtspunkt iſt aber die Tatſache, daß die Gießener Univerſität die einzige reichsdeutſche Hochſchule iſt, wo der Veterinärſtudent, auch wenn er Immaturus iſt, voller Uni⸗ verſitätsſtudent wird. Während die Studierenden an den Spezialhochſchulen in Hannover, Berlin, München und Dres— den mit den Univerſitätsſtudenten und Polytechnikern um ihre Gleichberechtigung zu kämpfen haben, wird ſie ihnen in Gießen ohne Weiteres grundſätzlich zugeſtanden. Dort werden ſie wie mature Vollſtudenten, nicht nur durch das Univerſitätsſtatut, ſondern auch durch die Mehrzahl der ſtudentiſchen Korpora⸗ tionen behandelt. Auf eine ſolche Gleichberechtigung pflegt aber gerade der Immaturus Wert zu legen. Gießen kommt im Übrigen den Veterinären auch inſofern weiterhin entgegen, als es die einzige deutſche Hochſchule iſt, wo man einen beſonderen Dr. med. vet.⸗-Titel erwerben kann. Promovieren können freilich nur Maturi. Aber immerhin liegt hier ein prinzipielles Zugeſtändnis vor, welches das Standesbewußtſein der Veteri⸗ näre zu ſtärken geeignet iſt.


