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Die Entwickelung des Studiums der Veterinärwissenschaft an der Landesuniversität Gießen : ein Nachwort zu meiner "Festschrift" vom 25. Mai 1902 / von Professor Dr. M. Biermer
Entstehung
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zu werden. Auch bei dem landwirtſchaftlichen Studium und einigen anderen mehr verhält ſich die Sachlage ganz ähnlich. In Bayern kann nur derjenige Offizier werden, der das Reife⸗ zeugnis beibringt. Das alte Sprichwortultima spes miles gilt alſo dort weniger als in Preußen und in anderen Bundes⸗ ſtaaten. Dafür haben wir in Bayern die Tatſache feſtſtehend, daß verhältnismäßig viele ehemalige Univerſitätsſtudenten zum Militär übertreten. In Bayern hat alſo der Immaturus weniger Ausſichten als in Preußen. Durchblättert man aber unſer Perſonalverzeichnis, ſo findet man, daß von 51 Studierenden bayeriſcher Staatsangehörigkeit, die die Gießener Univerſität beſitzt, 44 auf die mediziniſche Fakultät kommen, und von ihnen ſind faſt alle, nämlich 39, Veterinäre. Ein Zufall iſt das ge wiß nicht, auch wenn man berückſichtigt, daß Bayern mit ſeinem großen Nutzviehſtand er iſt, was die Hauptviehſorte, das Rindvieh, anbetrifft, im Verhältnis faſt doppelt ſo groß als in Preußen und Heſſen einen beſonders großen Bedarf an Tierärzten hat. Ich behaupte nun, wobei ich ſelbſtver⸗ ſtändlich mancherlei Ausnahmen zugeſtehe, daß ſehr viele Ve⸗ terinärſtudierende ſich nicht ganz freiwillig dieſem Fache zuge wandt haben. Beſtimmend für die Berufswahl war nicht ſelten die Unmöglichkeit, das Abiturientenexramen zu beſtehen. Mit verhältnismäßig hoher ſtatiſtiſcher Wahrſcheinlichkeit darf man ſagen, daß unter den Veterinärſtudierenden ziemlich Viele ſind, die auf dem Gymnaſium nicht den gewünſchten Erfolg hatten. Wäre das nicht der Fall, ſo müßten die Veterinäre das jugend lichſte Studentenmaterial abgeben. Sie müßten durchſchnitt⸗ lich um zwei Jahre jünger ſein als die Studierenden anderer Fakultäten; denn in Prima muß man mindeſtens zwei Jahre ſitzen.

Ich habe nun keine Zeit gehabt, über die Altersverhält⸗ niſſe der hieſigen Studenten genauere Unterſuchungen anzu⸗ ſtellen. Das hätte unverhältnismäßig viel von meiner Zeit in Anſpruch genommen. Ich fand aber ein Aushilfsmittel in den Wahlliſten der Stadt Gießen, die bei Gelegenheit der