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Teil Deutſchlands zu übernehmen? Verletzen Sie nicht mit dieſen Worten aufs ſchwerſte das Gaſtrecht, das wir Veterinärmediziner gern und dankbar genoſſen haben, wofür wir aber auch ſchwere Kollegiengelder zahlen müſſen? Sind die deutſchen Hochſchulen nicht jedem Deutſchen geöffnet? Nach Ihrer partikulariſtiſchen An⸗ ſicht alſo ſollen in Gießen nur Heſſen, in Tübingen nur Württem⸗ berger uſw. ſtudieren! So ſpricht ein Deutſcher im Jahre 1902] Und ſtudieren nicht viele Heſſen in Berlin, Göttingen, Leipzig, Heidelberg und München? Wie würden ſich die Herren beklagen, wenn ihnen in Leipzig bedeutet würde: warum kommt Ihr hierher? wir haben keinen Grund Euch auszubilden, laßt Euch in eurer Heimat unterrichten! Ich will hier gleich anführen, wieviel der heſſiſche Staat für die Veterinärmediziner ſelbſtlos ausgiebt; da ſind im Staatsbudget 1902/03 für Tierheilkunde 23 615 Mark ausgeworfen, das macht bei 168 Studenten auf den Kopf 140 Mark, während für einen Theologen entſprechend 440 Mark ge⸗ opfert werden. Dazu ſteht Gießen mit ſeinen veterinärmediziniſchen Inſtituten in Deutſchland an allerletzter Stelle. Von Selbftloſig⸗ keit des heſſiſchen Landes den Veterinärmedizinern gegenüber iſt da wohl nicht zu reden, dieſes Attribut möchte ich einzig unſeren Profeſſoren beigelegt wiſſen, die es mit anerkennungswerter Ge⸗ ſchicklichkeit verſtehen, die große Menge unſerer Studierenden in den unzulänglichſten Räumen unterzubringen. Ein großer Irrtum Ihrerſeits iſt es auch zu behaupten, daß die Maturitas, wie ſie jeder Deutſche heutzutage kennt, zu den geſchichtlichen Grundlagen der Univerſität gehört. Wiſſen Sie nicht, daß Jahrhunderte lang bloß ein Empfehlungsſchreiben des Vorſtandes einer Schulanſtalt, Gymnaſii, Schule, Akademie, eines Geiſtlichen oder Lehrers ge⸗ nügte, Studioſus zu werden, daß ein Abiturientenexamen in Preußen erſt 1788 durch königliches Machtwort eingeführt wurde?
Zum Schluſſe verwahre ich mich im Namen wieler Kollegen ganz entſchieden dagegen, daß Sie uns die Gleichberechtigung mit den anderen Studenten nur bedingungsweiſe zugeſtehen. Dieſer Verſuch Ihrerſeits uns zu Studenten zweiten Ranges herabzu⸗ drücken, noch dazu in einer Feſtzeitung, die in Tauſenden von


