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Rede bei der Feier des Stiftungstages des Gesangvereins in Giessen : gehalten den 19ten Februar 1821 / von Ludwig Weyland, Stud. theol.
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ihren Werth. Sie verdient es auch. Mag mancher ſie verkennen, mag auch mancher einen verachtenden Blick auf ſie werfen, nie werden ihr ſolche ihren Werth rauben, immer werden ihre harmoniſchen Töne unſer Inner⸗ ſtes ergreifen, immer wird doch die Muſik ihren Einfluß auf die Bildung unſres Herzeus äußern; mächtig zumal wirkt ſie auf den, der mit Gefühl auch muſikaliſchen Sinn ver⸗ bindet. Vorzüglich aber erhebt der Geſang Einzelner, oder Vereinter unſer Herz. Weſſen Gefühl wird nicht zum Höhern, zum Göttli⸗ chen geſteigert, wer wird nicht in religiöſe Begeiſterung verſetzt beym Anſtimmen des vielſtimmigen Chorals, oder eines Hymnus auf Gott, das Höchſte, was der Menſch be⸗ ſingen kann? Wer wird nicht zu hohen Tha⸗ ten entflammt bei dem Anhören eines brau⸗

ſenden Kriegsgeſanges? Weſſen Herz wird

nicht mächtig ergriffen durch die ſaufte Melodie eines Minneliedes bei klagenden Accorden? Ja, Muſik bringt ſolches hervor, Geſang ruft ſolche Gefühle aus menſchlicher Bruſt! Wurde nicht öfters der trübe, zerſtörende Mißnuuth des alten Königes gezügelt, als der Hirtenknabe zur Harfe ſang? Und was be wirkte nicht einſt Tyrtäus, als er die muth loſen Spartaner zur Schlacht führte, durch das Entflammende ſeiner Kriegsgeſänge, was in unſern Tagen Körner's Leier für die gute Sache? So begleiteten bei unſern Vorfahren, den