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gabe gönnen der Wiſſenſchaft nicht nur, ſie fordern für ſie„volle Bewegungsfreiheit“. Was kann das anders heißen, als daß wir in unſerer eigenſten Arbeit und Wirkſamkeit von kirchlichen Maß⸗ ſtäben und Direktiven frei ſein ſollen?, daß wir unſere Pflicht verſäumen würden, wenn wir hier ein anderes Ziel anerkennen würden als das der lauteren, und ſei es, der bitteren Wahrheit. Allerdings man does not live by knowledge but by faith! Dieſer Satz ſelbſt iſt doch wieder ein Ergebnis der Wiſſen⸗ ſchaft. Er kann nicht ausgeſprochen werden, ohne daß die Namen Kant und Schleiermacher, Carlyle und Emerſon verſchwiegen in ihm mitklängen. Und wir meinen verſichern zu dürfen, daß es keinen unter uns gibt, der dieſe Wahrheit ſeinen Schülern nicht immer wieder ins Gedächtnis zurückriefe. Dennoch, wir ſind berufen, eben nicht dem Leben als ſolchem, dem kirchlichen Leben in Verwaltung und Praxis— wir ſind berufen, der Theorie des Lebens, der Wiſſenſchaft von Religion und Chriſtentum zu dienen. Dieſer Auf⸗ gabe, zu der wir verpflichtet ſind, können wir nicht gerecht werden, wenn wir nicht den rückhaltloſen Mut der Wahrheit haben dürfen, ſondern nach kirchlichen Sorgen oder gar nach Parteiwünſchen hinüberlauſchen oder ſchielen ſollen. Daraus ergeben ſich notwendig Gegenſätze und Reibungen. Eine Wiſſenſchaft, wie ſie den Ver⸗ faſſern der Eingabe genehm wäre, gibt es zur Zeit auf proteſtan⸗ tiſchen Kathedern überhaupt nicht. Sie reden von einer„tiefen Kluft“, die in Gießen die Wiſſenſchaft von den Bedürfniſſen des praktiſchen Amtes trennt. Aber ſie verſchweigen— natürlich unbewußt— daß auch die Theologie, deren Vertreter ſie demon⸗ ſtrativ uns gegenüber feiern, das nicht bietet, nicht bieten kann, was einer von modernen Frageſtellungen unberührten Gemeindeortho dorie allein wirklich genügen würde. Denn— und hier allerdings tut ſich eine unüberbrückbare Kluft auf, aber eine, die alle heutige Theologie von der des 17. Jahrhundert trennt— es gibt zur Zeit keinen Theologen mehr auf deutſchen Kathedern, der ernſtlich und wahrhaft die Lehre von der wörtlichen Inſpiration der Heiligen Schrift verträte. Ganz beſonders gilt das auch von den gefeierten Dogmatikern„modern⸗poſitiver“ Theologie: D. Seeberg⸗Berlin und D. Ihmels⸗Leipzig. In dem Augenblick aber, wo der Hinfall dieſer ſicheren Grundlage altproteſtantiſcher Dogmatik ehrlich anerkannt wird, gibt es nur ein Mehr oder Minder der Abweichung von alter Theologie oder Gemeindeorthodoxie. Wirklich abgewichen ſind ſie alle. Da iſt keiner, der an dieſem einzig klaren Maßſtab noch be ſtehen könnte, auch nicht einer!
Das Mehr oder Minder alſo ſchafft die Schmerzen, an denen die Verfaſſer der Eingabe zu tragen haben. Wir kennen ſelbſt dieſe Schmerzen, die der unvermeidliche Bruch mit dem Alten be⸗ reitet. Leben und vollends Leben der Wahrheit entſteht nirgends ohne dieſe Wehen der Geburt. Aber wie dann ſollten wir daran denken, jemandem zu wehren, auf anderen Wegen als den unſrigen,


