ſpüren als mit Beſtimmtheit nachzuweiſen. Wer kann die Klagen imn ſchlichten Chriſtenglauben ſtehender Gemeindeglieder über die Anzweifelung oder die willkürliche Umdeutung der bibliſchen Be⸗ richte von den großen Gottestaten, an die die hohen Feſte der Chriſtenheit erinnern, in vielen modernen Predigten immer auf ihre Richtigkeit prüfen und die beklagten Aeußerungen ſtets nach ihrem Wortlaut urkundlich feſtſtellen! Wer kann ſich auf die Sorgen frommer Eltern, die nur zu oft die Seelen ihrer Kinder im Reli⸗ gionsunterrichte niederer und höherer Schulen nach Gießener Muſter gefährdet ſehen, als auf vollgültige Zeugniſſe berufen! Wer kann den Schaden ermeſſen und genau angeben, der entſtehen muß, wenn auch einfache, ungelehrte Leute, was die anderen ſchon lange ſchmerzlich empfunden haben, mit Erſtaunen und Bedauern merken, daß nämlich manche ihrer Pfarrer mit größerer oder geringerer Deutlichkeit etwas ganz anderes verkündigen, als das, wozu ſie berufen ſind und ſich verpflichtet haben!
Für jedermann verſtändlich aber wird das Weſen und die Wirkung jener die Ueberlieferung und jede Autorität mißachtenden Geſinnung durch gewiſſe nicht wegzuleugnende Erſcheinungen imöffent⸗ lichen Leben unſerer Zeit. Dahin gehört die demokratiſche Strö⸗ mung, die ſichtlich durch einen großen Teil der theologiſchen Jugend geht, ihre eifrige Mitarbeit an Blättern wie„Frankfurter Zeitung“ und„Kleine Preſſe“ und ihre Verbindung mit unchriſtlichen und kirchenfeindlichen Elementen zur Bekämpfung der Ordnungen des Staates und der Kirche und der dieſe leitenden Behörden. Dahin zu rechnen iſt auch die verſchämte oder offen eingeſtandene Hin⸗ neigung vieler jüngeren Theologen zur ſozialdemokratiſchen Be⸗ wegung und die direkte oder indirekte Förderung, die dieſe leider durch manche Diener unſerer Landeskirche erfährt. Wenn bei den Landesſynodalverhandlungen über den„Fall Korell“ im November 1906 Prof. D. Drews, der damalige Vertreter der praktiſchen Theologie in Gießen, in dem allem nur eine Aeußerung des „ſchönen Idealismus“ der Jugend ſah und der angeblichen Abſicht, die Freiheit des Pfarrers zu beſchränken, entgegentreten zu müſſen glaubte, ſo iſt auch dieſer Umſtand höchſt beachtenswert und lehr⸗ reich. Und wenn gegen die damals vom Oberkonſiſtorium ausge⸗ ſprochenen Grundſätze und Forderungen und den im Einklange damit ſtehenden Beſchluß der Landesſynode mehr als 50 Pfarrer unter Führung eines Lieblingsſchülers der Gießener Fakultät in ſchärſſter Form Proteſt erhoben und ſie als gegen die Wahrheit und die Liebe verſtoßend brandmarken zu dürfen meinten, ſo be⸗ weiſt das ſicher einen bedauerlichen Mangel an Takt und Dis⸗ ziplin bei einem Teil der heſſiſchen Geiſtlichkeit. Noch ſchlimmer ſind die Früchte, die dieſer Radikalismus in den letzten Monaten gezeitigt hat. Doch hiervon ſoll zunächſt noch nicht die Rede ſein.


