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Frankfurt a. M. und die Nachbaruniversitäten / von Prof. Dr. Sommer in Gießen
Entstehung
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Interessierten kommt zweitens für die mittleren Universitäten bei der Konkurrenz mit Frankfurt ganz besonders die Auswahl bei Berufungen in Betracht. Auch hier wird auf die Dauer diejenige Fakultät überwiegen, die das Prinzip der geistigen Tüchtigkeit und der wissenschaftlichen Arbeit am schärfsten zum Ausdruck bringt.

Unter diesen Voraussetzungen ist für die medizinischen Fakultäten der nahe bei Frankfurt gelegenen Universitäten auf die Dauer kaum etwas zu befürchten.

Etwas anders liegt die Sache z. B. in Gießen in der Philosophischen Fakultät. In dieser befindet sich eine große Zahl von Studierenden, denen die Bildungsmittel einer großen Stadt, die wie Frankfurt be- sonders durch Stiftungen eine bedeutende Zahl von ausgezeichneten Sammlungen besitzt, eine wesentliche Erleichterung ihres Studiums be- deuten. Nach meinen persönlichen Erfahrungen z. B. über die Leipziger Universität ist es gerade dieses Moment, das viele Studenten dorthin zieht und ihnen nachhaltige Eindrücke für das ganze Leben, abgesehen von dem im akademischen Unterricht erworbenen Wissen, vermittelt. Nun gehen zwar auch Mittelstädte wie Gießen besonders durch Stif- tungen und Vereinstätigkeit sehr energisch in bezug auf diese allgemeinen Bildungsmittel vor, z. B. hat Gießen im Laufe von zwei Jahrzehnten eine ausgezeichnete Altertumssammlung mit sehr beachtenswerter prä- historischer Abteilung, ein Anthropologisches Museum, ein gutes Theater etc. erhalten, aber es ist noch viel zu tun, und eine Stadt wie Frankfurt hat in diesen Beziehungen eine unbestrittene Ueberlegenheit. Der Einfluß dieses Punktes scheint mir bei den Studenten der Ph'ilosophischen Fakultät relativ am meisten in Betracht zu kommen, und es ist sehr wahrscheinlich, daß Gießen in dieser Fakultät durch die Eröffnung von Frankfurt am Main die relativ stärkste Einbuße erleiden wird. Allerdings halten die Examensvorschriften besonders für den Beruf als Oberlehrer viele hessische Studenten in Gießen, aber diese Fakultät hat auch fast 200 Nichthessen. Es kommt dabei ferner in Betracht, daß die Anziehungskraft, die Frankfurt als natürliches Zentrum des ganzen hessischen Gebietes lediglich wegen seiner räum- lichen Lage auf die hessischen Studenten ausüben kann, gerade für die Philosophische Fakultät mit ihren etwa 550 Hessen am meisten Geltung haben wird. Anderseits ist ebenso wie bei der Medizinischen Fakultät denkbar, daß gerade, wenn sich Frankfurt entwickelt, eine Reihe von Studierenden zu bestimmten Dozenten dieser Fakultät, die durch wissen- schaftliche Leistungen weithin bekannt sind, hingelenkt wird. Immer- hin ist ein Defizit der Gesamtzahl in dieser Fakultät nach Eröffnung von Frankfurt wahrscheinlich. Weniger gilt dies für die Juristische Fakultät, die nach den Pecsonalbeständen überwiegend hessische Hörer hat, die ihr wohl mit Rücksicht auf die landesgesetzlichen Examens- vorschriften im wesentlichen auch nach Begründung von Frankfurt verbleiben werden. Auch hier erscheint es möglich, daß auf dem Wege über Frankfurt manche Studenten für einige Semester nach Gießen gelenkt werden, da es in dieser Fakultät an Dozenten, die einen größeren Hörerkreis anziehen könnten, als sie ihn jetzt haben, nicht fehlt. Es