6 ist also möglich, daß auch in dieser Fakultät Abwanderung und Zu- wachs sich ausgleichen, während sich nur das relative Verhältnis von Hessen und Nichthessen verschiebt, wie dies seit einer längeren Reihe von Jahren in der Medizinischen Fakultät geschehen ist. Garnicht in Betracht kommt die Theologische Fakultät, da meines Wissens in Frank- furt an die Gründung einer solchen nicht gedacht wird.
Faßt man die einzelnen Ueberlegungen zusammen, so ist es wahrscheinlich, 1. daß nach der Eröffnung der Universität Frankfurt sich in Gießen zunächst eine vielleicht nicht un- beträchtliche Senkung der Studentenzahl zeigen wird; 2. daß die Medizinische Fakultät unter den genannten Voraussetzungen in der Lage sein wird, ihren jetzigen Besitzstand wieder zu er- langen und entsprechend der allgemeinen Steigerung der Studentenzahl weiter zu vermehren, 3. daß die Philosophische Fakultät relativ am meisten leiden wird, 4. daß die Theolo- gische garnicht und von den übrigen die Juristische Fakultät vermutlich am wenigsten betroffen werden wird.
Nimmt man nun selbst eine Verringerung der Studentenzahl in Gießen durch die Eröffnung von Frankfurt an, so kann dies kein Grund sein, um gegen die Eröffnung von Frankfurt Ein- spruch zu erheben, schon deshalb nicht, weil es sich hierbei um eine innere preußische Angelegenheit handelt, in die von einer hessischen Korporation oder Stadt nicht hineingeredet werden kann. Auch sind solche Schwankungen der Frequenz in der Entwicklung der deutschen Universitäten nicht selten. Während eine Reihe von anderen Universitäten speziell in einzelnen Fakultäten an Hörern andauernd eingebüßt haben oder nicht entsprechend der allgemeinen Steigerung der Studentenzahl fortgeschritten sind, hat sich in Gießen seit un- gefähr 40 Jahren die Studentenzahl vervierfacht, die Zahl der hier studierenden Nichthessen fast verachtfacht. Auch wenn es ungefähr 200 Studenten einbüßst, wird es doch nicht mehr zu den kleinen Universitäten im alten Sinn gehören, und die Universität, an der Liebig, Jhering, Leuckart, Harnack, Röntgen u. a. gerade die entscheidende Zeit ihrer geistigen Ent- wicklung durchgemacht haben, wird auch dann noch ihre Stellung in der Reihe der deutschen Universitäten bewahren. Die Abwehr gegen die eventuell begründete Universität Frankfurt kann von Gießen aus nur durch eine Zusammenfassung aller be- teiligten Kräfte geschehen. Ein richtiges Zusammenwirken von Staat, Stadt, Universität und Bürgerschaft bildet die Voraussetzung zum Gedeihen unserer Hochschule nach Ent- stehen der Universität Frankfurt. Das Gleiche scheint mir im wesentlichen auch für die anderen beteiligten Nachbar- universitäten zu gelten. Ich erblicke in der Errichtung der Universität in Frankfurt den Abschluß einer Entwicklung,


