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Frankfurt a. M. und die Nachbaruniversitäten / von Prof. Dr. Sommer in Gießen
Entstehung
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stehenden selbständigen Polikliniken ist im Gang, ebenso die einer Kinderklinik. Auch sind schon längst Verhandlungen wegen einer Zahnklinik im Gange, die hoffentlich bald zum Abschluß führen. Sind diese sogenannten Nebenfächer, die im Rahmen des klinischen Unterrichts eine wichtige Rolle haben, ausgebaut, so braucht Gießen ebensowenig wie andere mittlere Universitäten mit guten Unterrichtseinrichtungen die Kon- kurrenz von Frankfurt auf die Dauer zu befürchten. Daß sich in den ersten Semestern nach der eventuellen Eröffnung der Universität Frankfurt eine wesentliche Senkung der Frequenz zeigen wird, ist nach Analogie von anderen Neueröffnungen

sehr wahrscheinlich, auf die Dauer aber hat die Medizinische

Fakultät in Gießen unter bestimmten anderen Voraussetzungen nichts zu befürchten.

Diese liegen eventuell erstens darin, daßs den vorhandenen Lehrkräften die Arbeitsfreudigkeit erhalten wird.

Die Anziehungskraft der mittleren Universitäten für medi- zinische Dozenten beruht im wesentlichen darauf, daß neben einem reichhaltigen klinischen Krankenstand genügend Zeit gzu wissenschaftlicher Arbeit bleibt, die auch bei vielfacher ärztlicher Betätigung den Kern der akademischen Tätigkeit bilden muß. Wird diese Zeit durch ein Uebermaß von Ver- waltungsgeschäften, Berichten, Sitzungen etc. zu sehr ein- geschränkt, so geht der wesentliche Sinn des Aufenthaltes an einer mittleren Universität verloren, und die Arbeitsfreudigkeit der akademischen Lehrer leidet. Ich sehe daher bei der even- tuellen natürlichen Konkurrenz zwischen Frankfurt und den Nachbaruniversitäten in einer Schonung der Arbeitszeit der akademischen Lehrer eins der wichtigsten Mittel, um ausge- prägt wissenschaftliche Dozenten an der Universität zu erhalten. Hier kommt ein interessantes kulturgeschichtliches Problem in Betracht, ob nämlich in dieser Beziehung die Verhältnisse eines städtischen Gemeinwesens wie Frankfurt a. M., das durch eine Universitätsgründung seine aus Stiftungen und städtischen Mitteln gebauten Institute in wesentlichen Punkten einem großen Staat unterstellt, oder die Verhältnisse eines kleinen Staates, der zurzeit starke Anstrengungen macht, seine schwierige Finanzlage durch Sparsamkeit zu korrigieren und aus diesem Grunde andauernd in die Einzelheiten der Betriebe eingreift, auf die Dauer günstiger sein werden. Sicher ist, daß gerade die am meisten wissenschaftlich interessierten Dozenten z. B. bei Berufungsfragen diejenige Universität vorziehen, die ihnen bei genügendem Auskommen zur Befriedigung ihrer oft recht be- scheidenen Bedürfnisse die beste Arbeitsgelegenheit bietet. Außer dieser Bewahrung gerade der wissenschaftlich