Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen. 37
neigte. Wollte er dieſer Richtung in Gießen zum Siege verhelfen oder wollte er die Herrſchaft Benners ſtürzen? Jedenfalls brachte er es dahin, daß kein Geringerer als Karl Bahrdt nach Gießen in die theologiſche Fakultät berufen wurde. Allerdings hätte Bech⸗ told das nicht durchſetzen können, wenn er nicht an der Darmſtädter Regierung einen ſtarken Rückhalt gefunden und dieſe den Mut zu Bahrdts Berufung gefunden hätte.
J. Karl Friedrich Bahrdt.
Seit dem Tode Rolles und Müllers 1768 waren zwei theologiſche Lehrſtühle unbeſetzt. Benner, der die erſte, und Bechtold, der die dritte Profeſſur inne hatte, waren die beiden einzigen Ordinarien in der theologiſchen Fakultät. Die Regierung hatte den redlichen Willen, tüchtige Kräfte heranzuziehen und dabei der neuzeitlichen Strömung Rechnung zu tragen. Der einflußreichſte der Darmſtädter Geheimen Räte war der Kurator der Univerſität von Heſſe, dem ſeit 1772 als Miniſter von Moſer an die Seite trat. Beide Männer waren bei aller maßvollen Geſinnung keineswegs Freunde der Bennerſchen Orthodoxie. Gerade um Benners Einfluß in der ſchwebenden Frage nicht wirkſam werden zu laſſen, ſuchte die Re⸗ gierung über den Kopf der Fakultät und der Univerſität hinweg nach geeigneten Männern. Man fragte bei Miller in Göttingen und bei Nöſſelt in Halle, ja bei Herder(Herders Lebensbild von ſeinem Sohne, 1846, Bd. 3, Abt. 1, S. 358) für die zweite Pro⸗ feſſur an. Vergebens. Zugleich wandte man ſich(im Januar 1771) an Erneſti in Leipzig und an Semler in Halle mit der Bitte um Vorſchläge. Aber dieſe Anfragen verliefen reſultatlos.— Raſcher, wenn auch nicht ſo raſch, als man gewünſcht und gehofft hatte, kam die Beſetzung der vierten Stelle zuſtande. Ihr Kandidat war Karl Friedrich Bahrdt. Wer dieſen Namen zuerſt der Regierung genannt hat, läßt ſich aktenmäßig nicht mehr feſtſtellen. Daß nicht Semler es war, wie Pott(Leben, Meynungen und Schickſale Bahrdts, I. 1790, S. 316) und die„Kritiſche Lebensbeſchreibung“ Bahrdts(1793, S. 23) angeben, iſt ſicher. Denn ſein Brief, in dem er Bahrdt nennt— er ſoll unten mitgeteilt werden—, iſt erſt vom 22. Januar 1771 datiert. Daß aber Bechtold auf Bahrdt aufmerkſam gemacht habe, weil die Regierung die von ihm erbetene zweite Profeſſur nur unter der Be⸗ dingung ihm zu geben bereit geweſen ſei, wenn er„einen Mann von


