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Zur Geschichte der medizinischen Fakultät der Universität Gießen / von Prof. Dr. Sommer und Priv.-Doz. Dr. Dannemann in Gießen
Entstehung
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zwecks Unterbringung des Operationssaales und der Poliklinik. Als erster Chirurg wirkte darin Ritgen, der als Kliniker also eine Doppelstellung inne hatte. 1837 folgte ihm Wernher, an dessen Stelle dann 1878 Bose trat. Sein Nachfolger Poppert wird die Chirurgie in ihr neues, nach seinen Angaben errichtetes Heim hin- überführen.

Von den drei im alten Gebäude nebeneinander arbeitenden Disziplinen(auch die Augenheilkunde war noch, wie zu erwähnen sein wird, hinzugekommen) schied zuerst die interne Medizin, seit 1879 durch Riegel vertreten, aus. Er war der Nachfolger des erst 1899 in Wiesbaden verstorbenen Eugen Seitz, dem seinerseits Vogel und Balser vorangingen. Riegel hat ein wesentliches Verdienst an der modernen Entwicklung der Institute und wählte mit richtigem Blick für ihre Lage den südlich der Stadt gelegenen Seltersberg aus, welcher der Eisenbahnstation relativ nahe liegt- Diese Lage ist entschieden von großem Vorteil für die Entwicklung geworden; erleichtert sie doch der weiteren Umgebung Gießens den Besuch der Kliniken ganz außerordentlich. Medizinische und Frauen- klinik wurden Riegel als Verwaltungsdirektor unterstellt. Eine Reihe von Baulichkeiten dienen ihren gemeinsamen Zwecken inso- fern als Küche, Kesselhaus, elektrische Zentrale beide Kliniken ver- sorgen. Wie die Frauenklinik, so ist auch die medizinische in jüngster Vergangenheit ausgebaut worden, speziell durch Hinzu- fügung eines Hauses für Laboratoriumszwecke und eines für physi- kalische Therapie, sodaß auch in dieser Hinsicht die Hochschule nunmehr über alle Errungenschaften moderner Therapie verfügt.

Wenn den Neubauten dieser klinischen Institute zunächst der- jenige eines psychiatrischen folgte, so war dies die Wirkung einer langen Reihe darauf gerichteter Bestrebungen, die schon von v. Ritgen seit den 30 er Jahren des verflossenen Jahrhunderts ver- treten wurden. Er ist, ein kurzer Exkurs über diese Bestrebungen sei gestattet, eine der interessantesten Figuren in der Reihe der Gießener Mediziner. Im Geiste der Naturphilosophie groß geworden und mit einer überraschenden Menge von wissenschaftlichen Fähig- keiten und Interessen von der Natur ausgerüstet, hat er gleichzeitig Chirurgie, Geburtshilfe, Medizinalpolizei und Psychia- trie gelehrt und dabei noch Zeit gefunden, umfangreiche Manu- skripte über Botanik, Mineralogie und Astronomie zu verfassen und Abhandlungen naturphilosophischen Inhaltes zu fertigen. Ritgen war einer der bedeutendsten Vertreter der naturphilosophischen Richtung in der Gießener Fakultät. Nur wenn man die Beziehungen dieser Art zu lehren, zu der gesamten halbempirischen, halb speku- lativen Denkart am Anfange des vorigen Jahrhunderts im Auge be- hält, kann man den großen Umschwung begreifen, der in der Mitte desselben durch die experimentelle Methode im Gebiet der Medizin hervorgebracht wurde. Allerdings liegt die entsprechende Ge- dankenrevolution, die im Gebiete der Chemie durch Liebig etwas früher eingeleitet wurde, schon vorher; aber es entspricht durchaus dem Gange der naturwissenschaftlichen Entwicklung, daß die An- wendung der experimentellen Methode auf den Menschen immer