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Zur Geschichte der medizinischen Fakultät der Universität Gießen / von Prof. Dr. Sommer und Priv.-Doz. Dr. Dannemann in Gießen
Entstehung
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er der Angelpunkt der Fakultät. Sein Fortgang nach Ulm hätte sicher Gießen geschädigt, wenn nun nicht mit einem Male die

Geschicke der jungen alma mater eine ganz neue Wendung ge-

nommen hätten.

Der 22. März 1623 rächte Ludwig an Moritz für alle in der Erbsache erlittene Unbill und gab ihm an der so heiß umfochtenen Marburger Hochschule die erstrebten Rechte. Ferdinand II. ent- schied, daß Hessen-Darmstadt ebenfalls Hoheitsrechte an Marburg habe, und damit ergab sich für Ludwig V. die Konsequenz, seine Gründung zu schließen, denn dazu hatte er sich in einem 1607 ge- gebenen Revers verpflichtet für den Fall, daß seine Anrechte auf Marburg anerkannt werden würden. Gießen war somit, fürs erste der Universität wieder ledig. Am 24. Mai 1625 bestätigte Ludwig in feierlichem Akt auf dem Marburger Schloß die der Universität vor Gießens Entstehung gehörigen Schenkungen und Einkünfte aus Darmstädtischen Landen und setzte auch seine Gießener Professoren in die zum Teil früher von ihnen schon versehenen Professuren wieder ein. Mediziner werden an der neugestalteten Universität Kempf, der in Gießen 1619 promoviert hatte, für Medizin und Botanik, und der schon genannte Müller von Torgau, der neben- bei auch Mathematik trieb. Er hielt eine Antrittsrede über Die nützliche und angenehme Verbindung von Medizin und Mathe- matik. Allerdings scheint er letztere mehr geschätzt zu haben, denn er wurde später Leiter des Geschützwesens in der von Hessen- Darmstadt nach Meißen zur Hilfeleistung gesandten Armee und starb am Petechialfieber vor Torgau 1637. Sein Kollege Kempf dagegen wurde von einem Watzenborner Bauern(a rustico quodam nefando Watzenbornensi) im eigenen Hause 1635 die Treppe hinab- geworfen und fand so seinen Tod. Ueber das Warum liegen keine Nachrichten vor. Es finde Erwähnung als Beweis, daß auch da- mals die Aerzte offenbar schon undankbare Patienten hatten, mit denen gerechnet sein wollte.

Von weiteren Professoren der Medizin während des Marburger Interims unserer Universität sei genannt Johann Peter Lotichius, Verfasser von sechs Büchern, Beobachtungen und Ratschlägen, der 1639 in Marburg Anstellung fand, 41 Jahre alt, nachdem er schon als Arzt in Hadamar, Frankfurt und Hanau gewirkt, auch schon als Lehrer der Physik an letzterem Orte seinen Unterhalt erworben hatte. 1642 übersiedelte er nach Herborn, zwei Jahre später begegnen wir ihm als Arzt in Butzbach, 1645 findet er end- lich einen ruhigen Hafen in Frankfurt, wo er noch bis 1669 als kaiserlicher Rat lebte.

Sodann erschien 1639 in Marburg Johann Daniel Horst, Gregors Sohn, von Tübingen kommend, als Nachfolger des mit 81 Jahren gestorbenen Braun, und kurz vor ihm Tileman von Wertheim, ein Freund der Astronomie und Herausgeber der Apho- rismen des Hippokrates.

Die Zeit der Wiedervereinigung Gießens mit Marburg ist trübe, an Not und Jammer überreich. Die Schrecknisse des 30 jährigen Krieges blieben der hohen Schule nicht erspart, ver-