Druckschrift 
Andreas Kempffers Selbstbiographie / nach der Giessener Handschrift zum erstenmal herausgegeben eingeleitet und erläutert [von Gustav Adolf Ludwig Baur]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

20

lesen. Ich befinde es nun vor gut, wann ich die Grammatic mit der Sprach vereinige, wir suchen ja alle Gottes Ehre, die unverständige Jugend ver- stehet es nicht besser, der kan man alles weiss machen. Es halff aber nichts, er fing[sic!] mit seinem Calumniiren immer fort. Er hielte Disputation, und lud mich zum Opponenten nebst 2 andern Studiosis. Er wolte zeigen den usum accentuum, wie man auss denselben den genuinum sensum finden könne, und alsso erzeigen wie Junius et Tremellius³⁵) geirret, da er dann etliche Verse anführet, welche so müsten erkläret werden. In seiner praefation wolte er mich zum Ignoranten machen, der keine Grammaticam verstünde. Das Auditorium war voll und wollte gern den Krieg sehen. Ich zeigte ihm, dass er das Geringste von der Accentuation verstünde, keinen valorem derselben, sogar bald gilt der Atnach ein Punctum und bald ein Comma, bald nichts, wüste nichts de accentuatione priori, weder in Prosaicis noch in Metricis, zeigte ihm auch, wie er in Grammaticis noch schlecht war, der den Kimchi noch nicht gelesen hatte, ich trieb ihn ad absurdum und nahm Abschied. Nach der Zeit ist er nicht wieder auff die Catheder kommen. D. May muste selber bekennen, dass es Gottes Gerichte war. Er hette mich künnen sitzen lassen. Er hette mir eine Grube gegraben und were selber hineingefallen. Er dankte ab vom Pae- dagogio, und wolte bey solchem Collegen nicht stehen. Er strebte nach der professioni Hebr. linguae, da keiner von uns zur selben gelangen konte, weil einer im Wegé stunde

Es hat sich zugetragen, dass ein Studiosus, Nahmens Meelführer ³⁶), bey Altorff bürtig, sich wolte hören lassen, hebraice zu disputiren, der auff etlich Universiteten sich erkundiget, aber kein Opponens vorhanden gewesen. Da hat ihm Herr D. May geschrieben, er solte in Gottes Nahmen kom- men, es- würden sich schon Opponenten finden. Er kommt auch mit einer Disputation, so er in der Juden-Gass zu Frankfurt geschmiedet, De 8-S= Dae, beneclictione sacerdotam, welche er aus dem Talmud ge- nommen. Es war genug gewaget, dass wir dieselbe auff uns genommen. Die Talmudisten führen gantz eine andre Sprach, der wir eben nicht ge- wohnet sein. In Talmudicis war Herr Meelführer wohl versiret, so gut alss ein Rabbi unter den Juden. Dieses war das beste, dass ich den dand, Rabbi Mosche Ben Maimon³²), konte auss der Bibliothek bekommen. Der Maimonides, welcher de ritibus Judacorum in sacris geschrieben, der führet einen schönen und deutlichen Stilum, hat alles auss dem Tal- mud in gewisse Ordnung gebracht. Da fand ich den Tractat De benedic- tione sacerdotum weitläufftig beschrieben, dass ich Materie genug bekam daraus zu disputiren, was sie vor Ceremonien bey ihrem Benschen oder