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Bewegung ergriffenen„frommen Grafenhöfe“. Auch J. H. May, wel- chem er seine Giessener Stellung verdankte und welchen er seinen geist- lichen Vater nannte, liess es sich angelegen sein, die heilsamen Einflüsse des Pietismus fortzupflanzen, ohne ihm in seine Einseitigkeiten und Excen- tricitäten nachzufolgen. Aber wie Kempffers Bericht über seinen Ham- burger Aufenthalt kein Wort enthält über die wilden Kämpfe im Innern und die schweren Bedrängnisse von aussen, unter welchen die„freie und Hansestadt“ gerade damals(1683— 87) zu leiden hatte, so erwähnt er auch während seiner Giessener Zeit nichts von den Streitigkeiten, welche dort infolge der von May eingerichteten collegia pietatis entstanden waren und jahrelang zwischen den akademischen Collegen ärgerliche Spaltungen her- vorriefen, nichts von der so auffallenden Thatsache, dass der bald nachher durch seine Kirchen- und Ketzergeschichte berühmt gewordene Gottfried Arnold seine 1697 in Giessen angetretene Professur der Geschichte nach Jahresfrist schon aus„unüberwindlichem Ekel vor allen weltlichen Hän- deln“ wieder aufgab. Offenbar war Kempffer kein Mann für das Verständ- niss und die Pflege der grossen praktischen Lebensaufgaben, sondern er fand in stillem Lernen und Lehren seine Befriedigung. Auch seine beiden Dissertationen tragen, wie so viele aus jener Zeit, den Charakter einer abs- tracten, um Specialitäten bemühten Gelehrsamkeit an sich, die mit den Anforderungen des Lebens, ja auch nur mit denen einer lebendigen Wissen- schaft keine rechte Fühlung gewinnen kann, oder vielmehr, ihr idyllisches „Vollglück in der Beschränkung“ geniessend, sie gar nicht sucht. Diese Richtung hinderte zwar Kempffer nicht, in der Mitte seines Lebens noch in das geistliche Amt einzutreten und es über 40 Jahre lang treu zu verwal- ten: aber sie bestimmte ihn doch, auch dahin seine gelehrten Liebhabereien mitzunehmen, und mag nicht ohne Schuld daran gewesen sein, dass er von seinen pastoralen Erfolgen nicht viel zu erzählen weiss und mit sei- nem von ihm hart verklagten„bösen Schulmeister“ den rechten moclus vivendi nicht finden konnte.] Sobald man aber nur sein selbstentworfenes Lebensbild in das Licht seiner Zeit stellt, so verbinden sich die Züge, welche durch geschichtlich bedeutsame Zeitrichtungen bestimmt sind, mit denen, welche sich spröde dagegen verhalten, zu einem lebendigen und eigenthümlich ansprechendem Ganzen, und die bisherigen einleitenden Be- merkungen wollen den Leser in den Stand setzen, es von vornherein in dieser Beleuchtung zu sehen.
Wenn man übrigens der behaglichen Redseligkeit der Selbstbiographie bis zum Ende gefolgt ist, so bleibt einem der Wunsch übrig nach einer kurzen Uebersicht, welche die Hauptstufen auf dem Lebenswege des
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