Druckschrift 
Andreas Kempffers Selbstbiographie / nach der Giessener Handschrift zum erstenmal herausgegeben eingeleitet und erläutert [von Gustav Adolf Ludwig Baur]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

des Professor May, der jüngere Joh. Heinr. May, ersehen war, welcher, im Jahre 1688 geboren, damals wohl als angehender Gymnasiast zu den Füssen seiner beiden Concurrenten sass und 1709 die ihm aufgehobene Stelle wirklich erhielt. Die Zuruckgesetzten aber scheinen das ebenso in der Ordnung gefunden zu haben, wie der wackere Vater May, dessen Charakterlauterkeit und wohlwollende Gesinnung niemals in Zweifel ge- zogen worden ist, und kein Dühring war da, um diesen naiven akademischen Nepotismus in seinersüssen Gewohnheit des Daseins und Wirkens zu stören. Sonst freilich kann man nicht sagen, dass collegialische Ver- träglichkeit zu den charakteristischen Tugenden jener Zeit gehört habe, und auch bei unserem Kempffer, dessen Aufzeichnungen den Eindruck einer durchaus harmlosen Natur machen, fehlt es an schnöde absprechen- den Urtheilen über Collegen nicht, wie sie zur damaligen akademischen Sitte gehörten.

Auch die Wahl des Hauptgegenstandes, auf welchen Kempffer seine Studien richtete, ist für seine Zeit charakteristisch. Der heils- kräftige Glaube, wie ihn die evangelische Kirche forderte, sollte einerseits durch die Autorität der Heiligen Schrift normiert werden, andererseits im Leben in thätiger Liebe sich fruchtbar erweisen. Im 17. Jahrhundert aber hatte eine protestantische Scholastik sich mit ihrem im Wesentlichen fer- tigen dogmatischen System zwischen die lebendige Quelle der Heiligen Schrift auf der einen und zwischen das christliche Leben, welches aus dieser Quelle befruchtet werden sollte, auf der anderen Seite in die Mitte gedrängt. Abgesehen von den zum Aufbau und zur Vertheidigung des Systems unentbehrlichen philosophischen Vorstudien und von der unmittel- bar der pastoralen Praxis dienenden technischen Vorbereitung, concentrierte sich das Interesse des theologischen Studiums ausschliesslich auf Dogma- tik und Polemik. Von exegetischen Vorlesungen war bei vielen theolo- gischen Facultäten nur eine Erklärung der dogmatischen Beweisstellen aus der Heiligen Schrift, der sogenannten dicta classica, übrig geblieben. Viele namhafte Theologen, die ihre Studienzeit auf das Fleissigste benutzt hatten, hatten unter den von ihnen gehõrten Vorlesungen kein einziges Exegeticum aufzuführen. Ja noch am Schlusse des Jahrhunderts musste A. H. Francke Klage darüber führen, dass er in keiner Leipziger Buch- handlung eine Bibel oder ein Testament habe auftreiben können. Dennoch war bereits, und zwar keineswegs erst infolge von Speners epochemachen- dem Einfluss, eine Reaction gegen jene Einseitigkeit im Gange. Das Be- dürfniss, von dem abgeleiteten und häufig stagnierenden Wasser der dogma- tischen Systeme zur frischen und lebendigen Quelle der Heiligen Schrift