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Andreas Kempffers Selbstbiographie / nach der Giessener Handschrift zum erstenmal herausgegeben eingeleitet und erläutert [von Gustav Adolf Ludwig Baur]
Entstehung
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sie auch für minder Bemittelte zur Regel wurden. Im glücklichsten Falle halfen dazu die Reisestipendien, wie sie, zum Theil in einem auch nach dem gegenwärtigen Geldwerthe sehr ansehnlichen Betrage, von Fürsten und namentlich von Städten dargereicht wurden. Weiter wurde das Rei- sen dadurch erleichtert, dass Studierende und junge Gelehrte an die Be- quemlichkeit und an den Comfort des Lebens geringere, an ihre Selbst- verleugnung und eigene Anstrengung aber grössere Ansprüche machten, als dies heutzutage Regel ist: es ging eben, um mit Seume, dem Spaazier- gänger nach Syrakus, zu reden, alles besser, weil man mehr ging. Bal- thasar Schupp( 1661) erzählt, dass er auf seiner akademischen Reise mehr als 250 Meilen zu Fuss gemacht hat, obwohl er es als der Sohn eines wohlhabenden Vaters nicht nöthig gehabt hätte. Wer nun aber weder durch eigenes Vermögen, noch durch ein Stipendium unterstützt wurde, der musste sich, wie Kempffer, durch Unterrichtgeben, so gut es gehen wollte, durchschlagen. Und seine Selbstbiographie zeigt auf interessante Weise, wie das Verhältniss von Nachfrage und Angebot in dieser Branche für den Arbeitsuchenden damals ein viel günstigeres als gegenwärtig ge- wesen ist. Liess schon der herrschende Zustand der öffentlichen Unterrichts- anstalten einen tüchtigen Privatlehrer als einen sehr begehrungswürdigen Artikel erscheinen, so liessen insbesondere auch an den Universitäten die Herren Ordinarien es sich sehr gerne gefallen, wenn ein jüngerer Fach- genosse ihnen untergeordnete Zweige des akademischen Unterrichtes ab- nahm. Sie waren eben zu grossem Theile vornehme Herren, welchen ihre Ruhm verheissende Schriftstellerei mehr am Herzen lag als ihr Lehramt, und welche trotz der nicht fehlenden wiederholten Ermahnungen von Sei- ten der vorgesetzten Behörden zu grösserem Fleiss und gewissenhafterer Pflichterfüllung mit einer so geringen Zahl wöchentlicher Lehrstunden sich begnügten, dass es dem gegenüber unser einem schwer wird, sich pharisäi- scher Anwandlungen zu erwehren. So hat es denn auch Kempffer schon in Upsala und in Leipzig und noch mehr in Giessen, als er den Magister- titel erworben hatte, an einträglicher akademischer Lehrthätigkeit nicht ge- fehlt; denn es verstand sich damals, ganz anders wie jetzt, von selbst, dass, wer diesen Titel führte, den entsprechenden Beruf auch wirklich aus- übte. Etwas Anderes war es freilich, aus solcher bescheidenen, aushelfen- den Thätigkeit zu einer festen akademischen Stellung, wohl gar zu der eines Ordinarius zu gelangen! Kempffer wirkte neben Bürcklin, welcher gleichfalls als Orientalist einen guten Namen hatte, an dem akademischen. Gymnasium und der Universität zu Giessen, beide aber konnten es zur Professur der orientalischen Sprachen nicht bringen, weil dazu der Sohn