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Festspiel für die Begrüßungskneipe des 50-jährigen Stiftungsfestes des Gießener Wingolf, 5. August 1902 / von Theodor Wahl
(Gi. 80-83)
Entstehung
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Zu voll iſt mir das hHerz, zu viel Gedanken

An unſer Feſt beſtürmten mich ſeither

Vor Fülle weiß ich nicht, wo aus, noch ein! Wie pack' ich's an, wo greif' ich wahres Leben, Wie ſchürz' ich meiner Verſe raſchen Fluß, Daß wie ein wechſelſeitig Nehmen⸗Geben Der Brüder Herzen es durchfluten muß 7

(Lieſt ſeinen Uneipzeitungsentwurf durch.] So kalt und leer erſcheinen mir die Worte, Ich kann ſie nicht dem Jubelfeſte weihn. Ach! bräche aus der Dichtkunſt goldner Pforte Ein Strahl von Leben mir in's Herz hinein! [Hinter der Bühne erklingen leiſe Quartettklänge, etwaDrum halte, Burſch, die Stunde feſt oder anderes.]

Da horch! Wie lieblich dieſe Töne ſchwellen Wie werden ſie zu trauter Mahnung mir! Sollt' jetzt der Born der Poeſie nicht quellen d Noch einmal ſei's verſucht mit ihr! (Legt ein Blatt Papier zurecht und ſetzt ſich mit dem Blei in der Hand an den Ciſch, den Kopf in die Hand geſtützt. Das Quartett hinter der Bühne ſingt leiſe weiter. Der Red. ſchläft ein ſein Kopf ſinkt langſam auf den Tiſch.]

II. Scene.

[Kneipzeitungsred.(Red.) ſchläft. Der Geiſt der Kneip⸗ zeitung tritt auf Schalksnarrenkoſtüm, in der Hand eine Rieſenfeder,

milde Mephiſto⸗Sprechweiſe.]

Geiſt. Da ſchlummert er, mein braver Muſenſohn, Dem ſchon manch gut und böſer Reim gelungen; Doch heute hält's dem flotten Jungen Recht ſchwer, zu treffen ſo den rechten Ton. Sieh da, noch liegt vor ihm das Blatt Papier In blütenweißer Unſchuldsreine.