Eröffnungsrede des Präsicdlenten, Prof. Dr. B. Stade. XXXV
ferre nec mihi, sed temporis patriaeque calamitati eam imputate. Etenim si per me stetisset, jamdudum desideratissimo exoptatissi- moque vestro consortio fruerer. Nunc ex aliorum nutu ac volun- tate pendens, bellicisque motibus implicitus, anxie exspecto quam- cumque proficiscendi occasionem“. Das Jahr 1688 ist das Jahr der französischen Mordbrennereien in Süddeutschland, welchen auch Dur- lach zum Opfer fiel. May büsste dabei sein Haus und seine Bibliothek ein. Erst am 5. Nov. 1688 konnte sich May mit Frau
und zwei kleinen Kindern sein gleichnamiger Sohn, welcher ihm 1709 auf dem Lehrstuhl der griechischen und orientalischen Sprachen. gefolgt ist, war damals halbjährig auf den Weg nach Giessen
machen. Bei unseren Akten liegt seine vom 20. Dez. datirte Spe- cification der Reiseunkosten,„die ich endts-benanter von Durlach biss nacher Giessen angewendet und erlitten“. Sie beziffert sich auf 117 Gulden 56 Kreuzer. Zu seiner ordentlichen Professur der griech. und oriental. Sprachen erhält May 1690 die zweite ordent- liche Professur der Theologie, wie er weiter damit die Aemter eines Stipendiatenephorus und Pädagogiarcha und des Superinten- denten über zwei Diözösen, die von Alsfeld und von Marburg darm- städtischen Theils vereinigte.
Wenn Tholuck in seiner Vorgeschichte des Rationalismus ur- theilt, dass May gegen Ende des Jahrhunderts einen neuen Glan⸗ über die Giessener Hochschule verbreitet habe, so gilt dies zunächst von dem Theologen May. Denn mit May'’s im Jahre 1790 erfolgten Eintritt als Ordinarius in die Facultät ist die Eroberung derselben für den Pietismus entschieden. Ein Versuch der Orthodoxie, die verlorene Position wieder zurückzugewinnen, schlägt fehl. Der der pietistischen Richtung huldigende Hof greift ein. Nach der Sitte der guten alten Zeit wird durch Verdrängung oder Entlassung der antipietistischen Professoren den Argumenten der Pietisten nach- geholfen. Den Umschwung markirt auch die Bildersammlung der Universität. Auf die offenen, bieder und treuherzig dreinschauenden bebarteten Gesichter unserer alten Orthodoxen folgen jetzt nervöse und hagere, von innerem Drang angegriffene und glatte Gesichter. Diesen Umschwung näher zu beleuchten ist hier nicht der Ort. Hier interessirt uns der Hebraist May. Da ist nun zu sagen, dass allerdings seit dem Siege des Pietismus die Beschäftigung mit dem A. T. und den orientalischen Sprachen uns in Giessen häufiger zu begegnen beginnt. Zeuge sind die zahlreichen Disputationen, welche seit May über Stoffe dieser Gebiete gehalten worden sind. Aber vor zwei Missverständnissen muss man sich wohl hüten. Man darf nicht glauben, dass diese Studien vor May in Giessen besonders vernachlässigt gewesen wäüren, oder dass mit May'’s Eintritt sofort ein Wandel in der Abneigung der Studirenden gegen diese Studien eingetreten sei. Klagen May’s über mangelhafte Kenntnisse der Studirenden und Candidaten in den Grundsprachen begegnen uns noch später und öfter. Auch wäre sonst nicht erklärlich, dass die


