XXX Generalversammlung zu Giessen.
Es ist aber nicht zufällig, dass die orientalischen Studien in Giessen allgemeiner in der Zeit betrieben werden, in welcher man dem Studium der H. Schr. seitens der Theologie ein erhöhtes Interesse zuzuwenden eka Die orientalischen Studien sind zwar an unserer Hochschule von Anfang an betrieben worden, sie treten jedoch erst mit dem Eindringen des Pietismus stärker hervor. Die Geschichte unserer theologischen Fac zultät zeigt nun im Vergleich mit derjenigen anderer evangelischer Facultäten die merkwürdige Erscheinung, dass der Pietismus, welcher, unterstützt von höfischen Einflüssen, Giessen früher als viele andere erobert und durch glänzende Repräsentanten beherrscht hat, die Herrschaft nicht zu behaupten vermocht hat, und einer Orthodoxie, welche sich nach dem Muster des 17. Jabu- hunderts richten mochte, wieder gewichen ist. Erst im Gewande der Aufklärung hat er hier w ieder seinen Einzug gehalten. Dasselbe Ge- schlecht nun, welches die Orthodoxie wieder zur Herrschaft gelangen sieht, sieht auch die philologischen und orientalischen Studien veröden und ihren Betrieb unter die Stufe herabsinken, welche er in Giessen der alten Orthodoxie einst eingenommen hatte. Zeiten, in welchen die dogmatische Arbeit im Vordergrunde der Interessen steht, pflegen eben geringe Neigung zu t hen und sprachlichen Studien zu haben. Es it nicht zufällig, dass uns gerade in den letzten hundert Jahren die Namen Eichhorn, Gesenius, Ewald, Olshausen entgegen- treten. Denn es ist dies ein Jahrhundert, in welchem die historischen, kritischen und exegetischen Fragen das Interesse der Theologen vorab in Anspruch nehmen. Und sollte, wie manche Anzeichen das vermuthen lassen, in der Zukunft das Interesse für die Dogmatik neu einsetzen, so wird dies die orientalischen Studien kaum fördern.
Es ist daher nicht zufällig, dass die orientalischen Studien in Giessen durch denselben Mann neu belebt werden, durch welchen der Pietismus für über ein Menschenalter die Herrschaft erlangt hat, durch Joh. Heinr. May den Aelteren, oder wie er auch, da der jüngere Joh. Heinr. May sein Sohn ist, genannt wird, durch Joh. Heinr. May den Vater.
Das Andenken dieses Namens zu erneuern ist heute Pflicht. Ich thue es um so lieber, weil es vielfach verwischt worden ist, wie denn Vater und Sohn mehrfach zusammengeworfen werden. Wird May der Vater doch in dem 1884 vollendeten 20. Band der „Allgemeinen deutschen Biographie“, in welcher May der Sohn an C. Siegfried einen sorgfältigen und genauen Biographen gefunden hat, auf 8 Zeilen von seltener Oberflächlichkeit abgethan. Der Artikel nennt diejenigen Männer, welchen Joh. Heinr. May der Vater seine orientalische Ausbildung verdankt, gar nicht, se Linen Studiengang nur ungenau, von seiner theologischen Stellung und Bedeutung erfährt der Leser nichts. Die orientalischen Studien desselben erwähnt der Verfasser überhaupt nicht. Die lebhafteste Schilderung der theolo- gischen Bedeutung May's, welche in unserem Jahrhundert geschrieben worden ist, die von Tholuck in der Vorgeschichte des Ré tionalismus


