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Generalversammlung zu Giessen : Eröffnungsrede / gehalten von dem Präsidenten der orientalischen Section der XXXVIII. Philologenversammlung Prof. Dr. B. Stade am 30. Sept 1885
Entstehung
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Eröffnungsrede des Präsidenten, Prof. Dr. B. Stade. XXIX

Sprachen in den Versuchen gegeben, das A. T. allseitig zu verstehen, an welches sich schon um deswillen lebhaftere Studien als an das N. T. knüpften, weil es dem Gemeindeglauben wie der theologischen Formel fremdartiger gegenüberstand, schwerer zugünglich und un- sicherer in seiner Deutung war. Je lebhafter nun weiter in den letzten Jahrhunderten in Deutschland die Beschäftigung mit dem A. T. petrieben worden ist, desto mehr Neigung war zugleich vor- handen, auch andere orientalische Sprachen und Literaturen in den Kreis der Studien zu ziehen. Man missverstehe mich aber nicht! Es sind nicht nothwendig immer die aus der Lückenhaftigkeit und vielfach schlechten Erhaltung der a. t. Literatur und Sprache sich ergebenden Schwierigkeiten, es ist nicht immer der Umstand, dass eine Tradition und Literatur hierüber zunächst nur in den Schriften der Rabbinen zu finden war, die Veranlassung für Theologen ge- wesen diese Gebiete zu betreten.

Auch eine Theologie, welche sich im A. T. wissenschaftliche Probleme nicht stellt, oder in der glücklichen Lage ist, für alle neu auftauchenden eine Antwort fertig zu haben, kann auf den Betrieb orientalischer Studien, wenigstens was die Frequenz betrifft, fördernd wirken. Der ernste Mensch hat einen unzerstörbaren TPrieb an der Lösung wissenschaftlicher Probleme seine geistige Kraft zu versuchen und durch dieselbe, und geschehe sie auf noch so kleinem Gebiete, jenen höchsten geistigen Genuss sich zu verschaffen, welchen die Gewinnung neuer Erkenntnisse gewüährt.

Ist eine Theologie so fertig, dass sie hierzu keine Gelegenheit gibt, stellt sie keine Fragen oder beantwortet sie die gestellten, falls sie überhaupt noch welche als zu lösende anerkennt, mit den Antworten früherer Geschlechter, so wird sie die zu wissenschaft- licher Arbeit Disponirten in die Hörsäle anderer Fakultäten treiben, und sie veranlassen, durch Etablirung eines vielleicht anfänglich nur als Liebhaberei betrachteten Nebenbetriebes ihrem wissenschaft- lichen Bedürfnisse Genüge zu thun. Und die zu a. t. Studien Neigenden werden dann naturgemäss sich dem Studium der orienta- lischen Sprachen und Literaturen zuwenden.

Es ist hier jedoch so wenig meine Aufgabe zu untersuchen, ob Einwirkungen dieser Art auf die Frequenz der orientalischen Studien wirklich fruchtbringend gewesen sind, als Beispiele hier- für beizubringen.

Es zeigt nun unsere Universität Giessen Ansätze zur Bildung orientalisch-philologischer Schulen zu Zeiten, in welchen sie auf dem Gebiete der Theologie eine Rolle spielt. Daran, dass es über An- sätze nicht hinaus gekommen ist, ist neben der von der Kleinheit des Landes bedingten Kleinheit der Hochschule wesentlich mit Schuld, dass unsere Hochschule, nachdem sie kaum über 4 Menschen- alter bestanden hatte, etwa seit 1735 in eine Periode des Verfalles eintrat, in welcher mit andern Hoffnungen auch diese zu Grunde gingen.

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