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Generalversammlung zu Giessen.
Sprachen und Literaturen, ihrem Glauben und ihren Sitten ermöxglicht. Einmal politische Beziehungen zu orientalischen Staaten und Völkern, dann das theologische Interesse an dem A. T. und den Religionen des vordern Orients. Die Erschliessung Vorderindiens durch die Engländer hat Europa die indischen Sprachen und Literaturen, vorab das Sanskrit, zugänglich gemacht und hierdurch eine bei weitem noch nicht in ihren Folgen zu übersehende Revolution auf dem Gebiete der sprachlichen Studien hervorgerufen. An die Beziehungen Frankreichs zu Aegypten und Syrien hat sich ein neuer Aufschwung in den das Gebiet der muslimischen Literaturen bebauenden Studien geknüpft, vor Allem ein Aufschwung in dem Studium der ara- bischen Sprache, dessen Nachwirkungen gleichfalls noch spürbar genug sind. In beiden Ländern, wie in Russland, welches wohl unter allen modernen Staaten es am besten verstanden hat und noch versteht, europäisch-christliche Cultur den asiatischen Völkern zu übermitteln, bedingt schon das politische Interesse eine stetige Beschäftigung mit den orientalischen Studien. Und in ihnen hat sich in unserer Zeit infolge der Hereinziehung der hinterasiatischen Staaten Japan und China und der Vasallenstaaten derselben in den Weltverkehr und die Reichspolitik der Umfang dieser Interessen stetig erweitert. Aus den gleichen Gründen ist die Etablirung der hollän- dischen Herrschaft in den asiatischen Malayenländern in den Nieder- landen Veranlassung zur Beschäftigung mit den Sprachen und Re- ligionen, mit der Geschichte und Cultur dieser Länder gewesen.
Nichts hiervon war in unserem Vaterlande wirksam. Zufolge seiner politischen und religiösen Zerrissenheit an jeder Weltpolitik und jedem Versuche, aussereuropäische Länder zu cultiviren, ge- hindert, hat es über 2 Jahrhunderte daran zu arbeiten gehabt, sich im Innern neu zu ordnen und nach Aussen neu zusammenazufassen. Und dies sind eben die Jahrhunderte gewesen, in welchen Engländer, Franzosen, Holländer, Russen ihre Herrschaft in Asien etablirt oder zu etabliren versucht haben. Politische Bestrebungen irgend welcher Art weisen Deutschland auch jetzt nicht nach Asien. Und so ist es nicht zufällig, dass das sonst wissenschaftlich so allgemein inte- ressirte Deutschland auf allen den orientalischen Wissensgebieten, welche durch die oben erwähnten politischen Ereignisse aufgeschlossen worden sind, der Regel nach die ersten Anregungen von Aussen erhalten hat, und dass es mit denselben sich erst zu beschäftigen begonnen hat, nachdem auswärts die ersten Fundamente bereits gelegt waren. Aber freilich hat es dann denselben auch ein rein wissenschaftliches, von politischen Rücksichten fast immer freies In- teresse zuzuwenden vermocht, und daher in der Regel die Lehr- meister rasch eingeholt, wo nicht überholt.
Dafür ist es nun in Deutschland der Gang der theologischen Studien gewesen, welcher bald befruchtend und belebend, bald auch hemmend auf die orientalischen Studien eingewirkt hat. Und natur- gemäss war hier der Quellpunkt des Interesses an den morgenländischen


