Druckschrift 
Ruhland, Köhler-Langsdorf & Co. : eine Streitschrift / von Dr. jur. et phil. Magnus Biermer, ordentlichem Professor der Staatswissenschaften an der Universität Gießen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

25

Probleme auf dem Boden des hiſtoriſch gewordenen nationalen Wohlfahrtsſtaats verheißt, gehören heute faſt alle national ökonomiſchen Theoretiker an. Die Bismarckianiſche Wirtſchafts⸗ politik der 80er Jahre, die vom extremen Freihandel ſich ab⸗ wandte, ſtand in engſter Fühlung mit den führenden National ökonomen der hiſtoriſchen Schule. Dagegen hatte Bismarck die denkbar ſchwerſten Widerſtände der oſtelbiſchen Großgrund⸗ beſitzer anfänglich zu überwinden, als er zum Agrarſchutz und zum Induſtriezoll übergehen wollte. Gar manche derſelben hochadligen Namen, die heute an der Spitze der konſervativen Partei ſtehen, waren urſprünglich nicht einmal für einen Ein⸗ Mark⸗Weizenzoll zu haben. Die frivole Aufhebung der Eiſen zölle dankte man ihnen in erſter Linie. Für die heute maß⸗ gebende nationalökonomiſche Schule ſind Schutzzoll oder Frei handel überhaupt keine prinzipiellen Fragen, ſondern Mittel der ſtaatspolitiſchen und volkswirtſchaftlichen Therapie, die man bald in größeren, bald in kleineren Doſen verabreichen muß. Aus den Kreiſen der vielgenannten Kathederſozialiſten ſtammt auch das köſtliche Wort, womit die orthodoxe Frei⸗ handelstheorie ſo treffend verſpottet wurde:Daß die Wölfe nach Freiheit rufen, iſt ſelbſtverſtändlich; wenn es aber auch die Schafe tun, ſo beweiſen ſie eben nur, daß ſie Schafe ſind*).

*) Das Wort ſtammt von dem Juriſten Ihering. Weiteren Kreiſen iſt es dadurch bekannt geworden, daß es Schmoller in ſeiner berühmten RedeÜber den Übergang Deutſchlands zum Schutzzollſyſtem, die er auf der Generalverſammlung des Vereins für Sozialpolitik am 21. April 1879 in Frankfurt a. M. hielt, zitierte. Es ſind mir von verſchiedener Seite Zweifel darüber ausgeſprochen worden, ob ich Ihering zu den Kathederſozialiſten rechnen dürfe. Ich glaube, daß dieſe Bedenken nicht gerechtfertigt ſind; denn Ihering ſtand ſowohl als Rechtshiſtoriker wie als Rechtsphiloſoph, namentlich in ſeinemZweck im Recht mit dort vertretenemſozialen Utilitarismus der ethiſchen nationalökono⸗ miſchen Schule von Guſtav Cohn und dem Staatsſozialismus von Adolph Wagner grundſätzlich nahe. Er hat ſich auch für die Ideen Bismarcks bei deſſen Übergang zur neudeutſchen Wirtſchafts⸗ und Sozial⸗ politik, Ende der 70 er und Anfangs der 80er Jahre, zuſtimmend aus⸗