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Das Schönſte an der Sache aber iſt, daß die ganze Heranziehung Quesnays für moderne agrariſche Agitations— zwecke auf einem koloſſalen Mißverſtändnis beruht. Quesnays ökonomiſches Tableau, ſein Hauptwerk, auf das ſich Ruhland bezieht, iſt vor faſt 150 Jahren erſchienen. Es war ſchon einige Jahre vorher fertig, aber die Marquiſe de Pompadour riet ihrem Leibarzte ab, es zu veröffentlichen, weil es den „Spott des Publikums herausfordern könnte“. Es mußte erſt von Mirabeau gemeinverſtändlich überarbeitet werden, bevor es der Öffentlichkeit übergeben wurde. Das Originalmanu⸗ ſkript iſt erſt 1890 wieder aufgefunden worden. Der 1774 als 80 jähriger Greis geſtorbene Mediziner Francois Quesnay war Alles eher, als ein Vorläufer der modernen Agrarier; er war vielmehr in ſeinen letzten Konſequenzen, die natürlich der neugeadelte Leibarzt des Königs nicht ſelbſt ziehen konnte, die aber ſeine Schule alsbald gezogen hat, ein ſcharfer Kritiker der Feudalariſtokratie. Als ſolcher war er ein Vorahner der Bauernbefreiung und, wenn man will, ein Apoſtel der großen Revolution. Nicht die Grundbeſitzer bezeichneten Quesnay und ſeine Schule als die„alleinige produktive Klaſſe“, ſondern den eigentlichen Ackerbauer, den damals unfreien leibeigenen Bauern, der auf fremdem Boden arbeitete, mit Frohndienſten, Zehnten und dergleichen ſchwer belaſtet war und von dem Feudalherrn um den Lohn ſeiner Arbeit, die Grundrente, ge⸗ bracht, alſo ſyſtematiſch ausgebeutet wurde. Die„natürliche Ordnung“ iſt für Quesnay die Verbindung von Arbeitsein⸗ kommen und Landbeſitz. Dieſes Poſtulat iſt in den Stürmen der franzöſiſchen Revolution zur Erfüllung gelangt, während in Deutſchland die Bauernbefreiung ohne Revolution durch das Schön⸗Hardenberg'ſche Reformwerk friedlich zur Verwirk⸗ lichung kam. Alle Bauernbefreier waren liberale Naturrechtler im Sinn der Smith'ſchen Schule, die auf der Phyſiokratie, die in England freilich einen Veredelungsprozeß durchgemacht hatte, grundſätzlich aufbaut; ſie waren Freihändler und Gegner jeglichen Eingriffs der Geſetzgebung und Verwaltung in das „freie Spiel der wirtſchaftlichen Kräfte“.


