Hier ſcheint alſo ein förmliches Rätſel vorzuliegen, und ſeine Löſung iſt nicht gerade einfach. Entweder hat Herr Köhler den Ruhland'ſchen Leitfaden nicht geleſen, oder er hat ihn nicht verſtanden. Beides iſt entſchuldbar. Es erſcheinen gegenwärtig ſo viel nationalökonomiſche Werke, daß man ſchon ungewöhnlich viel freie Zeit haben muß, wenn man ſelbſt als Fachmann einen Überblick über die hauptſächlichſten Publi⸗ kationen gewinnen will. Hat aber Herr Köhler wirklich alle Schriften Ruhlands durchſtudiert, ohne dahinter zu kommen, was der genannte Autor eigentlich will und lehrt, ſo kann man auch daraus keinen Vorwurf machen; denn einmal iſt die Nationalökonomie eine Wiſſenſchaft, und zwar eine recht ſchwierige, und es iſt unter Umſtänden um Vieles leichter, Reichstags⸗- und Landtagsabgeordneter zu ſein, als nur auch ein einziges wiſſenſchaftlich geſchriebenes nationalökonomiſches Werk, auch wenn es, wie das Ruhland'ſche, nur 60 Seiten umfaßt, zu kapieren. Das Verſtändnis ſolcher Schriften muß zum anderen ganz ungemein dadurch erſchwert werden, wenn man ſich die elementarſten Kenntniſſe des Faches aus den Schriften eines Wirtſchaftsphiloſophen, wie es Francois Quesnay war, ſich anzueignen bemüht; denn Quesnay lieſt heute kein Fachmann mehr; aus dem einfachen Grunde, weil man aus ſo veralteten doktrinären und naiven Betrachtungen, die nur noch höchſtens literarhiſtoriſchen Wert haben, nichts lernen kann. In der Kulturwelt giebt es außer Herrn Profeſſor Ruhland keinen nationalökonomiſchen Gelehrten oder Staats⸗ mann, der Phyſiokrat wäre, wohl aber hunderte, die das phyſio⸗ kratiſche Syſtem nur aus geſchichtlichen Kompendien ohne irgend welche Quellenſtudien kennen.
Herr Profeſſor Ruhland ſcheint übrigens ſeinen Quesnay auch erſt neuerdings entdeckt zu haben. Als Eideshelfer für ſein„Syſtem“ treten Quesnay und ſeine Schule, ſoviel wir ſehen können, erſt in dem letzten Buche Ruhlands auf, und dieſe Ausgrabung iſt an der deutſchen nationalökonomiſchen Wiſſenſchaft ſpurlos vorübergegangen.


