36 Geschichte der Stadt Gießen.
heim, dessen Andenken noch jetzt in dem Flurnamen„Ursu- um“ fortlebt und das ziemlich genau an der Stelle dieser halb zur Gemarkung Gießen, halb zur Gemarkung Wieseck gehöri- gen Flur gelegen haben muß. Da der Ort noch im Jahre 775 in Urkunden des klösterlichen Schenkungs-Verzeichnisses der Abtei Lorsch genannt wird, so ergibt sich mit Sicherheit, dab er etwa 4000 Jahre bestanden hat.
Die Bevölkerung der Gegend war dicht und besaß einen gewissen Wohlstand. Die mit kunstvollen Ornamenten gezierten Gefäße aus verschiedenen Tonsorten gearbeitet, zierliche Ge- wandnadeln, Gürtelschnallen und Bronzebuckel von Gürteln, Riemenbeschläge und Armringe usw., die jetzt wertvolle Bestände des Museums bilden, lassen auch auf einen lebhaften Verkehr schließen. Wir wissen ja, daß die Wetterau durchzogen war von uralten Handelswegen, denen die Römer bei der Erobe- rung des Landes gefolgt sind. Daß das Volk, auf das die Legionen hier stießen, kriegerisch und stark war, zeigt der un- überwindliche Widerstand, den es dem römischen Vormarsch entgegensetzte. Hier fand denn auch die Römerherrschaft ihre nördlichste Grenze in Mitteldeutschländ. Bei Grüningen wen- det sich der Pfahlgraben wieder nach Süden. Das Volk aber, das die römischen Waffen mit Erfolg bekämpfte, war der Stamm der Chatten, der einst seine Vorgänger, die Kelten, verdrängend um die Eder, Fulda und Werra sich festgesetzt hatte und seine Grenzen gerade bis in unsere Gegend erstreckte. Die Wetterau war von den Mattiakern besiedelt, die wohl ehemals einen Gau der Chatten gebildet hatten.
Während der langen Zeit der Römerherrschaft entwickelte sich hier an der Grenze ein reger friedlicher Handelsverkehr, von dem die große Zahl römischer Funde in unseren germani- schen Gräbern im Stadtwald Kunde gibt. Das ist aber auch das Letzte, das wir für lange Jahrhunderte von den Bewohnern unserer Niederung vernehmen. Undurchdringlicher Nebel ver- hüllt uns ihre Geschicke während der Völkerwanderung. Wir wissen nur, daß sie von der Hochflut der ziehenden Stämme nicht mit fortgerissen wurden, und finden ihre Gräber aus merowingisch-fränkischer Zeit unmittelbar an die der früheren Perioden angereiht.
Dann taucht aus dem Nebel eine Spitze nach der anderen, vom Frührot der Geschichte gestreift.
Im Lande der Chatten, die sich dem Frankenvolke ange- gliedert hatten, war am Ende des 7. und in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts durch Kilian und namentlich durch Boni-


